Ernst Barlachs Skulpturen auf Schloss Cappenberg

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Versunken in Text: Ernst Barlachs Bronze „Der Buchleser“ (1936).

SELM – Die imposante Figur des schwebenden Engels nimmt die Besucher gleich zu Beginn gefangen. Unter der Decke hängend beherrscht Ernst Barlachs überlebensgroße Gipsfigur die Raumflucht links vom Eingang des Cappenberger Schlosses. Genau darauf ausgerichtet steht am Ende des Flures eines von Barlachs Kriegerehrenmalen. „Die Raumfluchten im Schloss sind für Barlachs Kunst wie geschaffen“, sagt Jürgen Doppelstein, Vorsitzender der Barlach-Gesellschaft und Kurator der Ausstellung „Ernst Barlach – Expression“. Von Anke Schwarze

Über 300 Plastiken, Grafiken, Zeichnungen sind im Schloss Cappenberg zu sehen. „Damit zeigen wir im Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 eine der größten Barlach-Ausstellungen der letzten Jahrzehnte“, so Thomas Hengstenberg, Kulturdezernent des Kreises Unna. Die Ausstellung breitet auf zwei Etagen die Vielfalt von Barlachs Kunst aus. Allerdings nicht chronologisch, sondern thematisch geordnet. Als „Herzstück der Ausstellung“ bezeichnet Doppelstein einen Raum im Erdgeschoss, der bekannte Bronzen von Barlach zusammenführt. Diese Plastiken schuf Barlach in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Sie sprechen noch heute die Betrachter an. Barlach entfernte von seinen Figuren jeden Hinweis auf Raum und Zeit. Er schottete sie mit kompakten Umrisslinien von der Umgebung ab. Er reduzierte Gestik und Mimik auf ihre Urformen, auf Seelenzustände wie Zweifel, Trauer, Grauen, Denken.

Den Kopf gesenkt, die Hände im Schoß verkrampft, kniet der „Zweifler“. Das „Grauen“ offenbart sich in schreckgeweiteten Augen, im zum Schrei geöffnetem Mund, in zum Gesicht erhobenen Händen. Der „Singende Mann“ oder der „Buchleser“ versenken sich in grundlegende Tätigkeiten. Die „Lesenden Mönche“ arrangierte Barlach als Lehrer und Schüler: Der eine dem Buch zugewandt, in aufrechter Haltung, mit wachem Gesichtsausdruck, der andere demütig, leicht eingesunken, mit etwas einfältiger Miene. Zu seiner schlichten Formensprache fand Barlach auf einer Reise durch die russische Steppe. Hier beobachtete er Menschen in elementarer Einfachheit, ließ sich inspirieren von den Konturen der Bauersfrauen in ihren Umhängen, von den Popen in ihrem Talar. In der Ausstellung werden Originale aus den russischen Skizzenbüchern unmittelbar den später entstandenen Plastiken gegenüber gestellt.

Die Ehrenmale zeigen Barlach als religiösen, als sozial und politisch engagierten Künstler. Mit gequälten Soldaten oder trauernde Frauen wandte der Künstler sich ausdrücklich gegen reaktionäre Rachegelüste der Weimarer Republik. Dabei verwendet Barlach auch christliche Motive. Er selbst beschreibt sich als Gottsuchenden. Seine eigenen Wort kommen auf großen Textfahnen immer wieder zur Sprache. Dass Barlach auch ein Meister von Sprache war, beweisen im Obergeschoss historische Werkausgaben und Textauszüge seiner Dramen wie „Der Findling“ oder „Der tote Tag“. Fotos geben Eindrücke von Theaterinszenierungen seiner Dramen wieder. An den Wänden hängen Barlachs grafische Interpretationen seiner Dramen. Einfach und effektvoll zeichnet er das Ende vom „Toten Tag“: eine stürzende Frau, der ein Messer aus der Hand gleitet, ihr Schatten wie ein Kreuz geformt. Im Obergeschoss hängen außerdem Barlachs Illustrationen zu Goethe-Gedichten. Feine Grauabstufungen in Lithografien und scharfe Hell-Dunkel-Kontrast in Holzschnitten vervollständigen die Gesamtschau eines vielseitigen Künstlers. Die Ausstellung bietet viele Wiedererkennungseffekte. Sie wird manchem Besucher Neues eröffnen, indem sie dem literarischen Werk Barlachs viel Platz einräumt. Sie gibt einen umfassenden Überblick, zielt aber nicht auf eine Neubewertung Barlachs ab.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr, bis 20. Juni, di – so 10 – 17.30 Uhr, Tel. 02306/ 71170, http://www.kreis-unna.de

Quelle: wa.de

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