Erinnerungsorte des Mittelalters, ein Buch von Johannes Fried / Olaf B. Rader: Die Welt des Mittelalters.

Niemand weiß, wo Barbarossa geblieben ist. Das Grab jedes deutschen Kaisers ist bekannt – nur das des bekanntesten nicht. 1190 kam Friedrich I. auf einem Kreuzzug unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die Geschichte hat die Nachwelt fasziniert, besonders im 19. Jahrhundert. 1875 suchte eine deutsche Expedition bei Tyrus vergeblich nach seinen sterblichen Resten, 1896 erhielt er ein gigantisches Nationaldenkmal im Kyffhäusergebirge. Der Kaiser schläft dort im Berg, so die Sage, und wartet auf eine Rückkehr. Von Jörn Funke

Barbarossa, der „Rotbart“, ist eine Symbolgestalt des Mittelalters, das im kulturellen Gedächtnis mitunter sagenhafte Züge annimmt. Wie die Erinnerung an diese Epoche sich formte, zeigen die Mediävisten Johannes Fried und Olaf B. Rader in ihrem Sammelband „Die Welt des Mittelalters“. In 33 Beiträgen namhafter Historiker entsteht das Bild einer Zeit, die unsere Kultur nach wie vor beeinflusst, sich unserem Verständnis aber häufig entzieht.

Mittelalter, so lautet die wissenschaftliche Definition, ist die Zeit zwischen Altertum und Neuzeit. Der Untergang des Römischen Reiches 476 markiert für gewöhnlich das Ende der Antike. Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, Martin Luthers Reformation und die italienische Renaissance stehen für den Beginn der Neuzeit. Doch der Epochenwechsel war kein krasser Bruch, der das eine Zeitalter beendete und das andere einläutete. Der Archäologe Arnold Esch zeigt das schön in seinem Beitrag über antike Mauern im Mittelalter. Die Reste des Altertums waren ja vor allem in Südeuropa noch vorhanden, und die mittelalterlichen Stadtbewohner wussten sie zu schätzen – sie verließen sich weiter auf den Schutz der solide konstruierten Stadtmauern oder nutzen sie als Material für Neubauten. Was das Mittelalter selbst hervorbrachte, zeigt der Berliner Kunsthistoriker Robert Suckale am Beispiel der gotischen Kathedralen, die nur durch eine heute schwer zu verstehende Kombination von Ehrgeiz und Frömmigkeit zu realisieren waren.

Kirchen wie der Kölner Dom und das Straßburger Münster sind mit der Mittelalterbegeisterung im 19. Jahrhundert zum Inbegriff der Epoche geworden. Genauso wie die Ritter und ihre Turniere, die Eingang in unseren Sprachgebrauch gefunden haben: Man verhält sich ritterlich, bricht eine Lanze, hält jemandem die Stange oder nähert sich mit geschlossenem Visier.

Während die Schwertkämpfer heute auf keinem Mittelaltermarkt fehlen dürfen, passen andere Gruppen nicht so sehr in die Event-Kultur und das daraus gespeiste Mittelalterbild: Bauern, die 95 Prozent der Bevölkerung stellten, und Mönche, die praktisch allein schriftkundig waren. Sie spielen im Mittelalterbild späterer Generationen aber nur Nebenrollen.

Im Zentrum stehen gerade im 19. Jahrhundert Helden und Hochadel: Jeanne d'Arc in Frankreich, Richard Löwenherz in England und Friedrich Barbarossa in Deutschland. Sie sind Paradebeispiele dafür, wie spätere Deutungen das Bild einer Person überformen.

So sind beispielsweise Barbarossas politische Leistungen weitgehend vergessen. Im kulturellen Gedächtnis blieb nur haften, dass er am 10. Juni 1190 im Saleph ertrank. Ob es wirklich beim Baden geschah, wie häufig kolportiert wird, sei gar nicht sicher, heißt es in dem Beitrag des Münchner Mediävisten Knut Görich. Mit der Rückkehr der Kreuzfahrer hätten sich zahlreiche Versionen des Geschehens im Land verbreitet. Dass es kein Grab für den Kaiser gab, ließ Spielraum für die Legendenbildung.

In der Sagenwelt spazierte Friedrich durch diverse Burgen. Die Gebrüder Grimm schließlich verorteten ihn auf dem Kyffhäuser.

Das junge, zweite deutsche Kaiserreich suchte sich durch eine mittelalterliche Vergangenheit zu legitimieren. Barbarossa bekam sein Denkmal auf dem Kyffhäuser, nach dem bei dieser Gelegenheit auch der Zusammenschluss der Veteranenverbände benannt wurde. Unter den Nationalsozialisten musste der Kaiser dann für das „Unternehmen Barbarossa“ herhalten, den desaströsen Russlandfeldzug. Das Jahr 1945, so schreibt Görich lapidar, habe der Nationalmythos Barbarossa nicht überlebt.

Johannes Fried / Olaf B. Rader (Hg.): Die Welt des Mittelalters. Erinnerungsorte eines Jahrtausends. Verlag C. H. Beck: München. 560 S., 38 Euro.

Quelle: wa.de

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