Eric de Vroedt inszeniert Judith Herzbergs Stück „Leas Hochzeit“ in Bochum

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Irritationen bei „Leas Hochzeit“: Szene aus dem Stück von Judith Herzberg am Bochumer Schauspielhaus mit Therese Dörr (Lea) und Torsten Flassig (Daniel).

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Kamelien zur Hochzeit? Nico fragt sich, ob er Lea den gleichen Brautstrauß überreichen kann wie damals seiner Ex-Frau Dory. Heiraten ist für ihn Routine. Und auch Lea lädt zur Feier gleich ihre geschiedenen Männer ein.

Verspielt beginnt Judith Herzbergs Stück „Leas Hochzeit“ in den Kammerspielen des Bochumer Schauspiels. Ein Mann baut auf der Bühne eine Leinwand auf. Er schnippst mit den Fingern, dann rattert ein Super-8-Film in den typisch verschossenen Farben der 1970er Jahre los. Eine fröhliche Feier, auf der getanzt und gesungen wird, getrunken und von den Käse- und Fleisch-Igeln geschlemmt, die Janna immer wieder in den Saal schleppt. Aber die sehr zusammengeworfene Familie, die im autobiografisch unterfütterten Stück von Judith Herzberg feiert, besteht vor allem aus Juden, die den organisierten Mord während der deutschen Besetzung der Niederlande überlebten. Lea gehört zu den Kriegskindern, die bei nichtjüdischen Pflegeeltern untergebracht wurden. Ihre Eltern wurden deportiert, doch der Todeszug erreichte das Vernichtungslager nicht. So feiert Lea mit ihrem Vater Simon und zwei Müttern, ihrer leiblichen Mutter Ada und ihrer Kriegsmutter Riet.

Leas Familie trägt an den traumatisierenden Erfahrungen – und kein Fest überdeckt diese Verwundungen. Ada wird am nächsten Tag eine Therapie antreten. Riet leidet daran, dass sie ihr „Lieschen“ wieder hergeben musste, weil die Eltern unerwartet überlebten. Und auch die Liebe zu den früheren Partnern ist noch nicht erloschen. Ein schwerer Stoff wird verhandelt – mit leichter Hand, oszillierend zwischen Tragödie und Komödie.

Der niederländische Regisseur Eric de Vroedt hält das Stück souverän in der Schwebe. Er lotet die Charaktere der Leidenden aus, verschmäht aber selbst Slapstick-Momente nicht. So gelingt ein überaus anrührender Abend, verankert im Zeitkolorit der 1970er Jahre und zugleich sehr gegenwärtig.

Das eigentliche Fest sieht das Publikum nur in den kurzen Filmeinspielungen. Die Bühne von Maze de Boer zeigt das Foyer des Festlokals, wo sich immer wieder Gäste treffen. Diese diskrete Hinterzimmer-Perspektive ermöglicht jene emotionalen Schlaglichter erst, aus denen sich Herzbergs komplexe Geschichte zusammensetzt.

Simon erzählt, wie seine Frau in der Straßenbahn plötzlich glaubt, sie werde von Deutschen verfolgt – dabei kommen nur Kartenkontrolleure. Martin Horn trifft wunderbar den Ton einer banalen familiären Anekdote, Anke Zillich zeigt das Trauma Adas in kleinen Gesten.

Das Bochumer Ensemble zeigt hier seine Klasse bis in die Nebenrollen. Therese Dörr gibt der Titelfigur viele Facetten, zeigt die verliebte, lebenslustige Frau, die ihren Mann anflirtet und beschmust, die ihm (im Video) ein frivoles Chanson zusingt. Aber in einer ergreifenden Szene fragt sie ihren Vater, warum sie zur Pflegemutter musste, warum die Eltern sie nicht mitnahmen damals ins Konzentrationslager? Dörr meistert die Stimmungsumschwünge von Sektlaune zur Kindheitsverletzung stimmig und bewegend. Und Raiko Küster zeigt einen wunderbar biederen Nico, der sich seiner Liebe gar nicht so sicher ist.

Dabei ist das Stück nicht auf die Protagonisten fokussiert. Da gibt es packende Eifersuchts- und Rivalitätsmomente zwischen Lea und Nicos Ex-Frau Dory (Bettina Engelhardt). Und wie Katharina Linder der vereinsamten Riet Gestalt gibt, bis hin zu ungewollten, unbedachten antisemitischen Sätzen, die die Mitfeiernden betreten anhören, das beeindruckt.

Dann ist da noch Daniel, ein Gast, der mit Zaubertricks und irritierenden Warnungen vor dieser Ehe für Unruhe sorgt und der die Leinwand für die Videoszenen aufbaut. Torsten Flassig verkörpert diesen irrlichternd spukigen Besucher mit Verve und großem Charme. Am Ende wird sogar noch getanzt, eine verzweifelt heitere Choreografie nach dem hebräischen Volkslied „Hava Nagila“, einer Aufforderung, glücklich zu sein.

Ein leises, sehr intensives Stück darüber, wie man nach der Katastrophe weiterleben kann. Großer Beifall, auch für die 80-jährige Autorin, die zur Premiere angereist war.

22.5., 7., 19., 26.6.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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