Elvis und Cadillac: Dokufilm „Rockabilly Ruhrpott“

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Ein Teddy im Ruhrgebiet. Szene aus dem Dokumentarfilm „Rockabilly Ruhrpott“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Wie fühlt sich das an, wenn die aufmüpfige Rocker-Jugend in die Jahre gekommen ist? Der Dokumentarfilm „Rockabilly Ruhrpott“ will eine Szene porträtieren. Aber die Regisseurinnen Christin Feldmann und Claudia Bach zeigen mehr als die Bestandsaufnahme einer Subkultur. Sie belegen, dass die Jungs schon Speck angesetzt haben. Vor allem die brave Sammlung von O-Tönen nimmt dem Thema Tempo und Originalität. Und vielleicht ist davon auch nicht viel übrig, wenn die Musik der 50er, die Lederjacken, die Pomade, der Hüftschwung und die Fahrten im Cadillac zum Ritual erstarrt sind.

Eigentlich wollen viele Rockabillys und Teddys ihre Ruhe haben. Ihre Musik werde manchmal im Schlagersender WDR 4 gespielt, empört sich einer, und schlechte Erfahrungen mit der Presse haben schon mehrere Szenemitglieder gemacht. Beschweren können sie sich diesmal nicht, denn das Regieduo Feldmann und Bach geht behutsam vor, als ob eine exotische Spezies gepflegt werden muss zwischen Duisburg und Dortmund.

Rockabilly, was heißt das eigentlich? „Landeiermusik“, sagt ein Befragter. Der nächste erinnert an Country und Gospel, die in den USA zur ersten Rockmusik wurden – deutlich vor dem Rock‘n‘Roll, versteht sich. Jerry Lee Lewis und Elvis werden am häufigsten genannt. In den späten 70er Jahren sorgen Bands wie die Stray Cats mit Brian Setzer, Shakin‘ Stevens und Matchbox für Rockabilly-Impulse. Und mit der Musik kommt auch mehr Schwung in den Film. Videos von den Heroen der Szene sind zu sehen. Und aktuell werden Musiker vorgestellt, die heute Konzerte bestreiten: Black Raven aus Düsseldorf, Lou Cifer aus Essen, The Wildcats aus Oberhausen/Amsterdam und Teenage Terror, Berlin.

Im Ruhrgebiet fühlen sie sich wohl, so lautet der Tenor der Dokumentation. Hier verstehen sich die Leute. Arbeit und Alkohol gehören dazu, wie der GI-Schnitt, den schon Elvis trug, oder der Flat, eine Art Haarkeil über der Stirn. Stress gibt es in der Szene nicht mehr, man ist zusammengerückt und schätzt neue Einflüsse. Tattoos werden seit den 70er Jahren gestochen, zum Beispiel die Stray-Cat-Katze. Außerdem sind originale Produkte aus den 50er Jahren angesagt, und die Tikis gehören seit den 90er Jahren zum Kult. Es handelt sich um Totemfiguren aus Hawaii. Natürlich wird das Lebensgefühl der 50er beschworen, das für alle so fern liegt, die sich über Rockabilly nur wundern können.

Der Film verschweigt nicht, dass es Nachwuchssorgen gibt. Vielleicht liegt es daran, dass die Szene männerlastig ist und dass Frauen mit Pferdeschwanz dem Modediktat unserer Zeit nicht entsprechen. Aber da ist man sich einig. Lieber ein „nostalgischer Freak“ als allen kommerziellen Trends folgen, die heute von vielen Menschen nachgemacht werden. Leider stellt der Film nicht alle Meinungsträger vor, so dass der Eindruck überwiegt: Wir bleiben lieber auf Distanz. Immerhin hat das Internet geholfen, die europäische Szene zu verbinden.

Über die Band Dick Brave and the Backbeats kamen ein paar junge Leute dazu, heißt es. Aber die Initiative von Sänger Sasha wird nicht von allen beklatscht – zu soft. Der Film „Rockabilly Ruhrpott“ kann den Herzschlag der Szene nicht transportieren, obwohl immerhin der Musikrhythmus in die Beine geht.

Etwas Eigenes hat der Kinoausflug ins Rockabilly-Milieu schon, denn vor dem Dokufilm (63 Min.) wird noch der Kurzfilm „Gray Hawk“ (16 Min.) mit Jochen Nickel („Absolute Giganten“) präsentiert. RegisseurLinus de Paoli stellt zwei Rockabillys auf die Probe – in kunstvollen, nicht ganz ernst gemeinten Bildern.

Ab 30. Juni: Dortmund, sweetsixteen kino; Oberhausen, Lichtburg; Essen, Eulenspiegel; Köln, Odeon

Quelle: wa.de

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