Elisabeth von Rochlitz, die wichtigste Frau der Reformation

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Herzogin Elisabeth von Sachsen, später Rochlitz, auf dem Gemälde eines unbekannten Künstlers von 1577.

Von Achim Lettmann -  ROCHLITZ „Verkehrte Welt“ signalisiert das Gemälde „Herkules und Omphale“ von Lucas Cranach d. Ä. und bebildert den „verweichlichten“ Mann und die „bestimmende“ Frau, ein Thema der Reformationszeit. Sie hat, wenn es nach Martin Luther geht, neue Aufgaben: Ehefrau, Mutter und Herrin des Hauses. Sie steht dem Gesinde vor, trifft Entscheidungen, wird öffentlich. Handwerksfrau, Pfarrerin und Bäuerin entwickeln Selbstbewusstsein. Verändert das den Mann?

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz in Sachsen greift dem 500-jährigen Jubiläum der Reformation etwas vor und fragt nach den Frauen in dieser bewegten Zeit. Die Schau „Eine starke Frauengeschichte. 500 Jahre Reformation“ präsentiert Fürstinnen, Adelige, gelehrte Frauen, Pfarrfrauen, entflohene Nonnen und Lehrerinnen, die für die Reformation gekämpft haben. Es gab nicht nur Martin Luther, Calvin, Zwingli und Co. Vor allem über die Rolle von Fürstinnen ist in den letzten Jahren geforscht worden. Allen voran steht Elisabeth von Sachsen (1502–1557), die sich nach ihrem Witwensitz Elisabeth von Rochlitz nannte. Sie war ab 1538 die einzige Frau im Schmalkaldischen Bund. Fürsten und Städte waren zusammen gekommen, um im Religionsstreit mit dem katholischen Kaiser ihren Glauben, ihr Territorium und den Frieden zu wahren.

In keiner großen Abhandlung über die Reformation ist Elisabeth von Rochlitz vermerkt, aber sie ist mittlerweile „die spannendste Quelle zur Reformationszeit“, schreibt Historiker André Thieme im Katalog. Die sächsische Herzogin hat Briefe hinterlassen, die Kanzleischreiber schon kurz nach ihrem Tod wenig schätzten: „Weibergewäsch“. Sie gerieten im kurfürstlichen Archiv in Vergessenheit. Erst die Historikerin Elisabeth Werl (1898–1983) verfasste ein Lebensbild der Herzogin, das allerdings von NS-Werten konturiert war: „deutsche evangelische Frau der Reformation“.

Die Ausstellung auf Schloss Rochlitz fokussiert auf ein dramatisches Leben. Denn die Landgräfin von Hessen wurde bereits als Dreijährige mit Herzog Johann von Sachsen verheiratet. Er war sieben Jahre alt. Die Urkunde dieser Heirat, das Kanzleidiplom, ist auf Schloß Rochlitz zu sehen – ein prächtiges Dokument. Alle Fürsten und Stände hatten die Ehe besiegelt, so dass Elisabeth später auf dieser Grundlage ihre Witwenrechte (Wittum) herleiten konnte. Zwar war die junge Fürstin 1517 in Leipzig mit allen Ehren aufgenommen worden – 14 Tage vorher hatte Martin Luther seine 95 Thesen in Umlauf gebracht –, aber sowie Elisabeth (ab 1526) den reformatorischen Gedanken nachhing, gab es Ärger mit Schwiegervater Herzog Georg, dem Bärtigen. Sein albertinisches Sachsen sollte katholisch bleiben. Elisabeth gefielen die strengen Dresdener Hofsitten und die religiösen Pflichten nicht. „Es sei besser, dass sie bei ihrem Mann im Bette, als dass sie in der Kirche schlafe“, entgegnete sie Kritikern despektierlich. In Glaubensfragen widersprach sie Georg von Carlowitz, dem Rat des Herzogs, dass die Institution Kirche als zwangsläufige Mittlerin zwischen Gott und Gläubigen stünde. Da ihr Mann Johann 1537 überraschend noch vor seinem Vater starb, geriet sie am Hof in Bedrängnis und musste um ihr Wittum kämpfen. Sie erhielt Schloss Rochlitz und vier kleine Städte. Sofort förderte sie auf ihren Territorien das Luthertum.

Die Ausstellung spannt den Bogen über das 16. Jahrhundert hinaus. Zum Verhältnis von Mann und Frau ist ein Teppich in Jacquard-Technik zu sehen. Die Künstlerin Margret Eicher überträgt in „Fünf Tugenden“ (2008) die Werte aus dem Mittelalter auf das moderne Hausfrauendasein. Das Bild zeigt adrette modische Frauen in aufreizenden Posen zwischen Staubsauger und TV-Gerät. Die Damen wirken deplaziert. An anderer Stelle ist von Lucas Cranach d.Ä. die Federzeichnung „Frauen überfallen Geistliche“ (um 1537) ausgestellt. Darauf werden jammernde Kerle mit Knüppeln und Dreschflegeln traktiert. Eine mögliche Reaktion auf die Unzucht von Geistlichen in der damaligen Zeit. Die Schau setzt ganz unterschiedliche Akzente. Und verblüfft dabei. Wie mit dem großen Playmobilhaus, das für all das steht, was eine Familie heute zum Leben braucht.

Gut ist die Präsentation immer dann, wenn in die Gedankenwelt der Lutherzeit eingeführt wird. Wenn ein Videoclip erklärt, weshalb das Geld für den Ablassbrief überflüssig ist. Nach Martin Luther vergibt Gott dem reuigen Sünder auch ohne Geld. Oder wenn in der alten Amtsstube ein Ablassbrief mit Siegel zu sehen ist. Wenn im „Themenraum Gewissen“ das neue Testament in Deutsch von 1522 ausliegt, dann dominiert eine Aura, die vom Original und dem historischen Ort getragen wird. Luther erkannte an, dass der Menschen nach seinem Gewissen entscheiden wollte.

Als die Reformierten im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 gegen Kaiser Karl V. antraten, versuchte Elisabeth von Schloss Rochlitz aus mit Briefen ein Krisenmanagment. Sie informierte ihren Bruder Landgraf Philipp und ihren Cousin Kurfürst Johann Friedrich, beide Hauptmänner des Bundes. Dass ihr Neffe Moritz mit dem albertinischen Sachsen auf die Seite des Kaisers wechselte, hatte sie am 1. Januar 1547 in einem Geheimbrief bereits vorhergesagt: „Moritz halte weder Brief noch Siegel.“ Darüber hinaus stellte sie für beide Kriegsseiten den Gegner jeweils gefährlich dar, um auf einen Frieden zu drängen. Aus heutiger Sicht eine intelligente Diplomatie.

Gegen die Kriegsstimmung war sie letztlich machtlos. Ihr Briefverkehr wurde vom Landesherrn Moritz unterbunden. Mit einem spitzen Hasenbein fügte sie sich eine Verletzung zu, um zumindestens über ihren Leibarzt, der die eitrige Wunde behandeln musste, weitere Nachrichten zu lancieren. Kurfürst und Herzog Johann Friedrich bedauerte, dass die Briefe aus Rochlitz ausblieben. Er verlor mit dem Heer des Schmalkaldischen Bundes am 23. April 1547 in der Lochauer Heide gegen Kaiser Karl V. Zwar war seine Kurfürstenwürde dahin und der Schmalkaldische Bund geschlagen, aber das Luthertum konnte nicht nachhaltig geschwächt werden.

Elisabeth von Rochlitz war eine „Säule der Reformation“. Eine neue Forschungsrichtung beschäftigt sich mittlerweile mit femininen Impulsen in den Religionen.

Die Schau

Eine vielseitige und nicht immer konzise Ausstellung, die aber eins schafft: Frauen als Reformatorinnen vorzustellen und damit die Geschichte der Reformation zu erweitern.

Eine starke Frauengeschichte. 500 Jahre Reformation auf Schloss Rochlitz in Rochlitz, nördlich von Chemnitz. Bis 31. Oktober; täglich 10 bis 18 Uhr,

Tel. 03737/ 492310 www.schloss-rochlitz.de

www.schloesserland-sachsen.de

Katalog 9,90 Euro

Quelle: wa.de

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