Elim Chan und Simone Lamsma im Konzerthaus Dortmund

Elim Chan dirigierte das Eröffnungskonzert im Konzerthaus Dortmund. Foto: Pascal Amos Rest

Dortmund – Gleich zwei Absagen für eine Saisoneröffnung: Das hört kein Veranstalter gerne. Sowohl Dirigent Franz Welser-Möst als auch die Solistin Janine Jansen fielen wegen Krankheit aus. Doch das Konzerthaus Dortmund profitierte für den Auftakt zur zweiten Saison unter der Intendanz von Raphael von Hoensbroech von der Umbesetzung für die Eröffnung der Kollegen vom Amsterdamer Concertgebouw einen Abend zuvor.

Das Concertgebouw-Orchester brachte die in Hongkong geborene 33-jährige Dirigentin Elim Chan und die 34-jährige niederländische Geigerin Simone Lamsma mit für ein prunkvolles, klangfarbenschwelgerisches Konzert, das allerdings gerade in der zweiten Hälfte von viel Gleichmaß bestimmt war.

Es gab keine Sinfonie, wie bei anderen Eröffnungskonzerten, sondern zwei kürzere Stücke. Tschaikowskys „Romeo und Julia“-Ouvertüre fächerte Chan sorgsam auf. Der polierte, warme Edelholzklang des Concertgebouw kam bestens zur Geltung. Der Klang war traumhaft: üppig, doch balanciert. Die Höhepunkte schillerten vor explosiver Hitze. Dennoch war die Musik fast zu ausgewogen, um wahr zu sein, die Tempi fast zu gemessen. Chan nahm sich sehr viel Zeit für die langsamen Passagen. Die Spieldauer dehnte sich auf mehr als eine Viertelstunde aus. Dafür fehlt es der Ouvertüre aber an Substanz. Es war eine wunderschön erzählte Geschichte: Aufbau und Logik stimmten, die Farben schimmerten. Doch ganz mitgerissen wurde man nicht.

In der „Schwanensee-Suite“ ließ Chan den großen Walzer aus dem zweiten Akt des Balletts mit einem Gleichmaß wie eine Spieluhr abschnurren. Das war federleicht, ganz delikat zu hören und wäre, falls in Dortmund auch getanzt worden wäre, in seiner Gleichmäßigkeit ziemlich tänzerfreundlich gewesen. Für den „Pas d’action“, der auf den „Tanz der kleinen Schwäne“ folgte, beschleunigte Chan wieder das Tempo – so fehlte dem Duett von Geige und Cello das blausilberne verträumte Schimmern, das Märchenhafte, das gerade hier die Handlung des Balletts vollends ins Traumhafte verschiebt. Abschließend folgte das Finale, das wiederum auf Gluthitze gebracht wurde. Das Drama, das vorher gebremst schien – hier blühte es mit Macht auf.

Noch mehr als die Orchesterstücke war Tschaikowskys Violinkonzert in der ersten Hälfte Spätromantik im schönsten Sinne. Lamsma bot einen durchdachten, empfindsamen Tschaikowsky, altgolden im Ton, mit einer üppigen, etwas cremigen Klanggebung. Sie nahm sich Raum und Zeit in der Kadenz des ersten Satzes, wo das Pizzicato sanft anklopfte, die Spitzentöne vorsichtig hingesungen klangen. Ihr Tschaikowsky war weder analytisch noch verträumt, sondern gefühlvoll und ausgewogen. Der zweite Satz war empfindsam, ohne nebelhaft verträumt zu werden. Im Schlusssatz arbeitete Lamsma die emotionalen Kontraste heraus: fein ziseliert in den langsamen Passagen, explosiv in den zügigen.

Für die Zugabe fand sich Lamsma mit Musikern des Concertgebouw zu einem Sextett zusammen: Es gab einen Ausschnitt aus dem zweiten Satz von Tschaikowskys „Souvenir de Florence“, so schmeichelhaft schön gespielt, dass die Besucher auf Wolken des Wohlklangs aus dem Saal trieben.

Quelle: wa.de

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