Gemeißelte Blöcke im Schönklang

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Dirigent Andris Nelsons und Mihoko Fujimura, die das Urlicht in Mahlers 2. Sinfonie sang. ▪

DORTMUND ▪ Das Paradoxon des sterbenden Glaubens funktioniert so: Wenn der Mensch bis zur Zerrüttung zweifelt, fordert er die Segnungen des Glaubens besonders ein. In Dortmund führte die Sängerin Mihoko Fujimura das vor: Sie sang unter Andris Nelsons das Urlicht in Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie mit seherischem Ton, forderte die Erlösung, bis hin zur drohenden Wiederholung der Zeile vom „lieben Gott“. Von Edda Breski

Mit einer Aufführung der zweiten Sinfonie Mahlers hat die Saison im Konzerthaus Dortmund begonnen. Andris Nelsons leitete sein City of Birmingham Symphony Orchestra, den CBSO Chorus und die Solistinnen Fujimura und Lucy Crowe in einer aufgeladenen, oft grandiosen Aufführung. Nelsons und das CBSO sind häufig Gäste in Dortmund. Das Haus wurde 2002 eröffnet, das Konzert war Teil der Geburtstagsfeiern.

Orchester und Chor waren glänzend aufgelegt, die Solistinnen ebenso, trotz minimaler Anfangsschwächen Fujimuras. Lucy Crowe führt ihren lyrischen Sopran instrumental. Im Finale löst sie ihre Stimme unendlich vorsichtig aus dem Chor heraus zur Erlösungsverkündung.

Nelsons dirigiert oft atemberaubend. Er kann einen Höhepunkt vorbereiten und durchführen lassen, dass einem die Luft wegbleibt – was er im gigantomanen fünften Satz unbekümmert mehrfach wiederholt.

Über einem solchen Feuerwerk kann man vergessen, dass man einen gewieften Kalkulator vor sich hat, der in der ersten Hälfte der Sinfonie kaum Ausflüge ins Forte oder gar Fortissimo unternimmt, dessen Tutti da noch etwas von verhaltener Kraft haben. Das CBSO reagiert nervig, wechselt blitzschnell von schwelgerischer Schönheit zu harter Kontrastarbeit, zu bewundern im Kopfsatz, in dem die Trauerthematik wie gemeißelte Blöcke in den Schönklang vorstößt. Wunderschön gemacht sind die Klangmischungen der nach draußen delegierten Blech- und Bläserfraktion und der Flötisten im Finale.

Nelsons pflegt das Ideal eines satten, aber runden Klangs, von dem er sich selbst mitreißen lässt. Er fängt sich zwar bald wieder ein, aber gerade, wenn er Mahler dirigiert, kann dieser Überschwang ins Naive umschlagen. Mahler nahm Gestaltungsmittel vorweg, die sich später in der Filmmusik durchsetzen sollten. Der monumentale Tuttiakkord im Finale, mit der sich in Dur umschlagenden Stimmung könnte so durchaus in einem Star-Wars-Film auftauchen.

In der sich andeutenden Erlösungsthematik ist wiederum der Wagner-Dirigent Nelsons zu hören.

In der ersten Hälfte klingt einiges fast zu glatt. Allerdings weiß Nelsons gut, was er tut, als er das mit einer brachial exekutierten Reprise bricht. Das wiederaufgenommene Trauerthema klingt in den Streichern wie ein Ringen um Atem. Der Mensch – Mahler schrieb, dass im Kopfsatz der Zweiten der Held der ersten Sinfonie zu Grabe getragen wird – ist gefangen in einem schrecklichen Kreislauf. Auf ihn wartet nichts als Leid und der Tod.

Nelsons betont die Zirkelmotivik, die sich im Finale auflöst. Dort singt der Chor: „Wieder aufzublühen/Wirst du gesät“.

Nelsons Auffassung der Sinfonie ist weniger transzendent als erdnah und lebensfroh. Es nimmt nicht wunder, dass das Volkstümliche zu seinem Recht kommt, noch mehr der verschwenderische „Wiener“ Klang im Andante. Mit der Zeit wird Nelsons in seine Interpretation wohl mehr doppelte Böden einziehen.

Quelle: wa.de

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