Ein Einakter von Theresia Walser in Münster

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Die richtige Figur für einen Hitler: Andreas Weißert in der Inszenierung des Wolfgang Borchert Theaters

Von Anke Schwarze MÜNSTER - „Man müsste in allen Theatern die Musik ausstellen und die Schauspieler müssten reden mit nichts als ihrer Sprache.“ Derart schimpft Alt-Mime Franz Prächtel in Theresia Walsers Einakter „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ über das Regietheater.

Am Wolfgang Borchert Theater in Münster findet seine Forderung Gehör. Tanja Weidner (Regie) und Stefan Bleidorn (Bühne und Kostüm) reduzieren das Bühnenbild auf einen Tisch und vier Stühle. Der vierte bleibt unbesetzt. Er gehört dem Moderator einer Talk-Show, auf deren Beginn drei Schauspieler warten. Ihr gemeinsamer Nenner: Alle haben Nazi-Größen im Film gespielt. Während sie warten, entfachen sie einen Sturm vor dem Sturm – eine ausufernde Diskussion über Regietheater und die Frage „Darf man einen Hitler spielen“.

Weidner und Bleidorn setzen ihre Figuren schonungslos einem scharf zeichnendem Scheinwerferlicht aus. Optisch streichen sie den Gegensatz zwischen den Eckfiguren heraus, dem alten Hitler-Darsteller Prächtel, Verfechter des klassischen Theaters, und dem jungen Goebbels-Darsteller Ulli Lerch, Eiferer für das Regietheater: der Grandseigneur mit Hut und lässig umgeworfenem Schal gegen den Schlacks in quitschblauen Chucks und Jeans. Zwischen ihnen laviert Hitler-Darsteller Nummer 2, ein Peter Söst, ein halbgares Geschöpf im Anzug. Wie es seinem Ego am besten bekommt, schlägt er sich mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Das wird trivial betont, wenn sich Söst-Darsteller Jürgen Lorenzen abwechselnd auf einen Stuhl neben seinen jeweiligen Verbündeten setzt. Witziger wird Walsers Idee mit dem Tisch umgesetzt: Der Junge will dem Alten trotz aller Meinungsverschiedenheit gefallen. Symbolisch verneigt er sich vor ihm, wenn er mit Händen und Füßen einen wackligen Tisch für dessen Wasserglas abstützt.

Die nüchterne, halb-dokumentarische Talkshow-Szenerie erklärt aber nicht wirklich, was sie will. Das gilt auch für die Figurenführung, die sich bei aller Überzeichnung nicht zu einer Karikatur oder Parodie durchringt. An den Schauspielern liegt das nicht. Andreas Weißert (Franz Prächtel) zelebriert das klassische Theater, gibt seinen Sätzen den Rhythmus und die Melodie einer Rezitation. Überzeugend hält er seine Figur in ihrem Schauspieler-Dasein gefangen: Selbst Wutanfälle sind auf ein unsichtbares Publikum berechnet. Florian Bender als sein Konterpart (Ulli Lerch) versucht sich breitbeinig gegenüber den Älteren zu behaupten. Seine Begeisterung fürs Regietheater rattert er herunter, schließlich muss sich seine Figur den Vorwurf verdienen, die Silben nicht mehr gefühlvoll zu betonen. Jürgen Lorenzen gibt sich selbstgefällig und manieriert. Rückt sich in seiner Haut zurecht, reibt er die Fingerspitzen aneinander, streicht sich mit zwei Fingern über die Stirn. So heftet er dem Opportunisten Söst etwas Schmieriges an, bis hin zu einem unangenehm berührenden Anfall von Hysterie.

Allerdings können die Darsteller nicht verhindern, dass die Diskussion irgendwann ins Dozierende schlittert. Man merkt Theresia Walsers Einakter an, dass er als Auftragswerk verfasst wurde, ein Jahr nach dem Kinofilm „Der Untergang“, der eine Diskussion über Grenzen und Möglichkeiten von Hitler-Darstellungen auslöste. Ein Lösung bietet die Autorin indes nicht an. Und die Inszenierung verpufft, nachdem der Streit zwischen den drei Wartenden eskaliert ist. Hängen bleibt der Eindruck unheilbarer Eitelkeit von Schauspielern. Auch das ist ein Standpunkt.

22., 23.3.; 19., 20. 4.

Tel. 0251/ 400 19, www. wolfgang-borchert-theater.de

Quelle: wa.de

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