„Ein Fräulein wird verkauft“ nach Horváth bei den Ruhrfestspielen

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Das Fräuleinpaar Josephin Busch (links) und Laura de Weck aus der Produktion der Ruhrfestspiele.

Von Edda Breski Recklinghausen -  Dieser Schmierfink, der Maler ist eine üble Lachfigur. Er hat die Frau als Modell engagiert, jetzt malt er mit klebriger schwarzer Farbe ihre Brüste an, Wedekind und Wilde zitierend. An die bemalte Brust presst er seine Leinwand. Das Resultat sieht wie ein Rorschachtestbild aus. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ist „Ein Fräulein wird verkauft oder 36 Stunden“ nach Ödön von Horváth zu sehen, eine Koproduktion mit dem St. Pauli-Theater.

Die Angemalte ist das Fräulein Pollinger. Sie gibt es doppelt. Regisseurin Dania Hohmann hat die Geschichte von Anna/Agnes aus der Novelle „36 Stunden“ und dem Roman „Der ewige Spießer“ genommen. Das doppelte Fräulein ist der Kniff, an dem sich die zwei Horváth-Texte treffen und brechen. Die Inszenierung thematisiert die Bruchstelle, indem der Text gespielt, erzählt und in Fragmenten über der Bühne eingeblendet wird. Das ergibt einen lockeren Fluss, der nur gegen Ende etwas lang wird; da kennt man das Muster schon.

Um jedes Fräulein Pollinger gruppieren sich die Tante, deren Zimmerherr, der Maler auf einer Spielwiese. Beide Mädchen träumen sich die Welt schön. Agnes bekommt von Laura de Weck ein großäugiges Staunen verliehen über all das, was ihr geschieht. Anna ist kecker, sie tanzt Charleston vor dem Publikum als imaginärem Spiegel und wünscht sich die Welt vor ihre Füße. Die Musicaldarstellerin Josephin Busch („Hinterm Horizont“) spielt ein naives Kind, das gern Dame wäre. Dame sein heißt: in Sportautos mitfahren, reiche Begleiter haben. Was das noch heißt, das blendet sie noch aus.

Agnes (de Weck) trifft vor der Arbeitsvermittlung Eugen. Die beiden gehen spazieren, der Abend endet erwartungsgemäß. Christian Bayer spielt großartig larmoyant einen Typen, der hinter ein bisschen Charme Minderwertigkeitskomplexe und tote Träume versteckt und die mit einer Frau betäubt. Die Szene wird später gespiegelt, dann ist es Anna, die Eugen absichtsvoll anspricht.

Da hat sich schon alles geändert. Wie der Zimmerherr der Tante (Tobias Kilian) sagt: „Man muss seine Sinnlichkeit produktiv gestalten.“ So kommt es zum Modellstehen. Der Zimmerherr spricht zu Agnes von „sexualethischer Neugier“. Bei Anna ist das anders, da wühlt er sich in ihr Kleid hinein.

Die Tante pflanzt in den Bühnenrasenteppich ein Spießerblümchen. Heimlich bietet sie in ihrem Laden Aktfotos an, in den Zwanzigerjahren ein verbotenes Geschäft. Sie ist der Drehpunkt, Ilona Schulz der heimliche Star der Aufführung, wie sie im Volantkleid breitbeinig dasteht und Gier und Heuchelei der Menschen aufs Sachliche herunterbricht. Trotzdem wirft sie Anna raus, als die anfängt, von den Männern Geld zu nehmen.

Hohmann verlässt sich auf Horváths Typen, die sie aus zwei Richtungen spiegelt, verlässt sich auch auf das lockerleicht spielende Ensemble, das den mit Worthülsen spielenden Figuren Gefühle verleiht, die ohne Berührungsangst ins Sentimentale schwanken. Ein Klaviertrio spielt Salonmusik, die Tante und Anna singen ihre Gefühle heraus. Neue Sachlichkeit trifft Volkslied.

Mehr volkstümlichen Kolorit bekommt das Stück, wenn Anna mit Harry Priegler, ihrem ersten Freier, in einer Wirtschaft sitzt. Sie stopft Gurkensalat in sich hinein und schielt hinter sich, wo eine Festgesellschaft sitzt; Spießigkeit und Lebenslust in eine Szene gedrängt.

Die Atelierszene ist eigentlich hochkomisch, wenn der Maler (Matthias Deutelmoser,) seine Brustwarzen schwarz umrandet und mit Perlenkette um den Hals wie ein Satyr herumhüpft. Wie traurig das alles ist, darüber muss man schon nachdenken. Die Illusionen – die gibt’s auch heute noch.

16., 17.5., Tel. 02361/92 180, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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