Egon Neuhaus‘ Roman „Spinnewipp“

Von Ralf Stiftel ▪ „Spinnewipp“, so nannte der Vater zuerst seinen Sohn Egon Neuhaus. Weil er so dürr war wie Spinnweben, oder westfälisch: „Spinnewipp“. Neuhaus, 1922 in Lüdenscheid geboren, 2008 in München an Krebs gestorben, erzählt in einem großen autobiografischen Roman vom Leben eines Proletariers. So verstand sich der Westfale, so hatte es ihm sein klassenbewusster Großvater vermittelt. Das nun vorliegende Buch ist ein ebenso faktensattes wie unterhaltsames Geschichtsstück von unten. Der Autor hat 20 Jahre an diesem Buch gearbeitet, es ist sein Vermächtnis.

Neuhaus sah sich als Sonntagskind, obwohl er es nicht leicht hatte. Seine Eltern trennten sich, so kam er zunächst zu seinen Großeltern, dann ins Kinderheim. Im erst preußisch, dann nationalsozialistisch, also immer autoritär geprägten staatlichen Fürsorgesystem mochte er sich nicht anpassen. Also gab er Widerworte, riss aus, wurde eingefangen, kriminalisiert. Man liest von Kindheit und Jugend in einer engen Welt. „Wenn die Lüdenscheider sich mal ein kleines Stückchen weite Welt angesehen hatten“, schreibt er, mußten sie mit der Bahn über Brügge wieder nach Hause fahren und in Brügge oft umsteigen.“ Und später: „Bei den Brüggern war es Tradition, ihre überschüssigen Töchter nach Lüdenscheid zu verheiraten. Die Besseren behielten sie für sich.“ So lesen wir vom Heranwachsen, von der erzwungenen Arbeit als Knecht bei verschiedenen Bauern, vom Dienst an der Waffe und schließlich vom Wirtschaftswunder, das Neuhaus im „Paradies“ in Dortmund erlebte, in einem zum Wohnhaus für Arbeiter umgewandelten Bunker an der Deusenerstraße.

Natürlich stilisiert Neuhaus sich als Außenseiter. Er liest viel, bringt sich im Ostwallmuseum im Selbststudium das Zeichnen bei. Er blickt durch, erläutert seinen Kumpels, dass und wie die Führer der NS-Zeit in der Adenauer-Republik wieder in Machtpositionen kamen. Einige der Einschübe wirken leitartikelhaft. Vor allem aber liefert er eine Chronik von denen, die vom Wirtschaftswunder nicht viel abbekamen. Im „Paradies“ hat der Spinnewipp es mit Amateurnutten, den Frauen eingesperrter Kleinganoven und Herumtreibern zu tun. Er erzählt vom „Goldschürfen“ in den Schuttbergen des Wiederaufbaus, von Schlägereien und deftigen erotischen Abenteuern. Er tut das unsentimental, spannend und oft witzig, und dann findet man prächtige Miniaturen wie diese über seinen Kollegen: „Kurz vor der Kneipe blieb der Lange stehen und sprach zu sich selbst: ‚Herz, sei stark und geh vorbei!‘ Als wir vorbei waren, blieb er wieder stehen und sagte: ‚Herz, weil du stark warst, hast du ein Bier verdient!‘ er kehrte um und ging zum Dicken rein.“

Egon Neuhaus: Spinnewipp. Verbrecher Verlag, Berlin. 394 S., 13 Euro

Quelle: wa.de

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