Elgars „Dream of Gerontius“ beim Klassiksommer Hamm

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Der Klassiksommer Hamm startete mit einer Aufführung des Oratoriums „The Dream of Gerontius“ unter Leitung von Frank Beermann.

HAMM - Der Klassiksommer in Hamm hat sich mit zwei Schwerpunkten etabliert: Neben eingängigen Kombinationen von klassischer Musik und Event bot der künstlerische Leiter Frank Beermann in den vergangenen Jahren regelmäßig große Werke der Hoch- und Spätromantik auf.

Seit vor vier Jahren die konzertante Oper aus finanziellen Gründen wegfiel, waren das speziell Sinfonien des romantischen deutschen Repertoires. Für den Klassiksommer 2015 hat Beermann sich eine interessante Variante des Leitthemas Romantik überlegt. Er lenkt das Interesse des Publikums auf die englische Romantik. Das Festival startete am Samstag in der Alfred-Fischer-Halle mit Edward Elgars Chorwerk „The Dream of Gerontius“.

Es musizierten, neben der Nordwestdeutschen Philharmonie, die unter Beermanns Leitung regelmäßig die größeren Klassiksommer-Konzerte bestreitet, die drei Chöre der Kathedralen von Worcester, Gloucester und Hereford. Es handelt sich um drei Amateurformationen im besten britischen Sinne, Sänger, die aus Liebe zur Musik heute das dreihundert Jahre alte „Three Choir Festival“ aufrecht erhalten, das die große britische Chortradition weiterträgt.

Diese Chöre mit dem „Dream of Gerontius“ zu hören bedeutet zugleich eine lebendige Verbindung zu dieser Tradition und ein reizvolles Hörerlebnis. Elgar stammte aus der Nähe von Worcester und hat einmal notiert, dass sein Klangideal in der Kathedrale geschult wurde. Man hörte das zum Beispiel, als die durchweg differenziert agierenden Frauen im Ende des ersten Teils Gerontius’ Sterben begleiteten und dabei ein raues Leuchten erzeugten, das an den Klang in einer Kathedrale erinnerte.

In einer großen Industriehalle ist das durchaus auch ein Erlebnis. Allerdings schluckt die Alfred-Fischer-Halle die meisten Klangnuancen. Feinheiten kommen in den hinteren Reihen kaum an. Den vorne Sitzenden ergeht es besser, aber wer zwei Dutzend Meter vom Podium entfernt sitzt, verpasst viel.

Dabei lohnt es sich beim „Gerontius“, auf Nuancen zu achten. Hierzulande kennt man Elgar hauptsächlich, weil er die Vorlage für die Hymne „Land of Hope and Glory“ schrieb. Dabei war er substanziell für die Entwicklung britischer Chor- und Orchestermusik am Übergang zum 20. Jahrhundert. „Gerontius“ (uraufgeführt 1900) brachte, zusammen mit den ein Jahr zuvor veröffentlichten „Enigma“-Variationen für Orchester, Elgars Durchbruch. Beermanns Interpretation des groß besetzten Oratoriums war eher gemessen als aufwühlend, dabei durchweg plastisch und an den entscheidenden Stellen mit Gespür für Effekt ausgeführt. Stets hielt er sich an Elgars grundlegenden Optimismus, der durch alle Fährnisse das Vertrauen der glaubenden Seele abbildet.

Der katholisch erzogene Elgar vertonte ein Gedicht des Kardinals John Henry Newman. „Gerontius“ ist die Allegorie des Menschen, der sich sterbend fragt: War dies alles? Habe ich mich verschwendet? Der Höhepunkt des „Gerontius“ ist ein dreifaches Fortissimo, gefolgt von einem Piano, das musikalische Äquivalent eines 20 000-Lux-Kamerablitzes direkt vor den eigenen Augen. Danach sieht man den „Nachblitz“ vor geschlossenen Augen. Dieser Nachblitz ist Elgars Abbildung des Undarstellbaren: das Negativ der göttlichen Präsenz.

Der Chor begleitet Gerontius’ Sterben, ein Priester (Renatus Mészár sang später auch den Todesengel) spendet Segen. Der zweite Teil folgt der Seele ins Nachleben.

Die Seele erhält Beistand durch einen Engel (Janina Baechle). Er geleitet Gerontius durch das Fegefeuer, wie Dantes Beatrice. Das Bekenntnishafte des „Gerontius“ verweist zudem weiter in das 20. Jahrhundert, namentlich auf die christliche Apologetik eines C.S. Lewis. „Gerontius“ ist damit Bestandteil einer langen, sehr spezifischen Tradition des intellektuellen englischen Christentums.

Janina Baechles Engel war wegen ihrer fülligen Stimme, ruhigen Phrasierung und ihrer angenehm deutlichen Artikulation der Ruhepol des zweiten Teils. Niclas Oettermann sang die Hauptpartie mit heldischem Timbre und Gespür für das Klagen und Suchen der gläubigen Seele, man hätte sich aber eine geschmeidigere Phrasierung wünschen können. Bildhaft hat Elgar den Hohn der Dämonen komponiert – der Chor setzte auch das sehr plastisch um.

Der Klassiksommer läuft bis 19. Juli. Im Programm sind etwa eine Aufführung von Elgars Cellokonzert und Holsts Orchesterwerk „Die Planeten“ (20.6.) sowie eine Konzert-Lesung mit der Lautten-Compagney Berlin zu Stellen aus den Tagebüchern von Samuel Pepys. Am 18.6. tritt die Pianistin Anna Vinnitskaya auf. Tel. 0 23 81/17 55 15, www.klassiksommer.de.

Quelle: wa.de

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