Düsseldorfs Kunsthalle zeigt Hans-Peter Feldmann

+
Hans-Peter Feldmanns Bild – ohne Titel, zu sehen in Düsseldorf. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DÜSSELDORF–Die Blumen in der Glasvase scheinen gerade eben erst am Straßenrand gepflückt worden zu sein. Viel Grün, ein paar Gräser und Wicken, die ein oder andere blasse Blüte. Was eben so wächst, wenn der Rasen nicht ständig gemäht wird. „Sigmar Polke 1941-2010“ steht auf dem Etikett, das auf dem weißen Sockel klebt. Eine kleine, unauffällige Gedenkstätte für den kürzlich verstorbenen Künstler neben dem Eingang zur „Kunstausstellung“ von Hans-Peter Feldmann in der Kunsthalle Düsseldorf.

Feldmann, selbst Jahrgang 1941, hat den Strauß als letzten Gruß für seinen Kollegen aufgestellt. Die Vase wirkt ganz privat und still, und doch auch ein wenig ironisch. Als halte er Polke den gerade zusammengepflückten Strauß mit einem verschmitzten Grinsen hin. Dieser Ton ist kennzeichnend für die große Düsseldorfer Schau, die einfach nur „Hans-Peter Feldmann Kunstausstellung“ heißt. Denn auf vermeintlich tiefsinnige und doppeldeutige Titel verzichtet der Düsseldorfer so konsequent wie auf die Signatur seiner Bilder. Von einem Bäcker erwarte ja auch niemand, dass der seine Brötchen signiere, kommentierte er das kürzlich: „Man geht zu ihm, weil es schmeckt, was er macht. So sollte Kunst funktionieren.“

Feldmanns Collagen, Installationen, Skulpturen und allerlei Bilder funktionieren ganz einfach und nehmen deshalb umso mehr für sich ein. Das Schattenspiel in einem hinteren, abgedunkelten Raum der Kunsthalle zum Beispiel. Da stehen Spielzeugfiguren, kleine Flugzeuge und Plastiktiere versammelt auf Drehbühnen auf einer Tischreihe. Von Lampen angestrahlt, entwickeln ihre Schatten auf der Wand dahinter einen Tanz, fließen ineinander und auseinander, bilden eine Fantasiewelt. Das Werk ist vollkommen durchschaubar, mit wenig Technik und ein paar Spielzeugen wohl leicht nachzubauen. Doch es funktioniert. Es verführt, nimmt für einen Moment mit in eine kindliche Fantasiewelt; immer wieder schaut man hin, wie die Schatten miteinander tanzen.

Feldmann, Jahrgang 1941, liebt diesen kindlichen Blick auf die Welt. Im Zwischengeschoss der Kunsthalle hat er einen ganzen Raum für Kinder eingerichtet.

Stets ist auch sein eigenes Werk von einem unaufdringlichen Witz geprägt, ohne je albern oder zynisch zu wirken. Es speist sich aus einer Sammelleidenschaft, seinem Blick für Kurioses und der Kunst, dies zuzuspitzen und dem, ja doch, Tiefe zu verleihen.

Das Alltägliche und Banale interessiert Feldmann. Billige Plastikblumen, die er an einer Wand mitten im Raum vertikal anordnet. Fotos von geöffneten Kühlschränken, zerwühlten Betten sind schräg gegenüber mit Nadeln an die Wand gepinnt, daneben eine Collage von Frauenbeinen. Dieses Projekt des Sammelns und im doppelten Sinne Aufspießen verfolgt Feldmann seit Beginn seiner Karriere vor vier Jahrzehnten, zeigt die Schau mit frühen Serien von Autos und Sportlern.

Eine tiefere, fundamentale Bedeutung gibt er diesem Streben mit der Porträtserie „100 Jahre“, für die der documenta-5-Teilnehmer 101 Menschen aus seinem Familien- und Bekanntenkreis fotografierte. Felina, ein acht Wochen alter Säugling, steht am Anfang; am Ende der chronologisch gegliederten Reihe die 100 Jahre alte Maria Victoria. Die Schwarz-Weiß-Porträts dokumentieren schlicht den Fortgang der Zeit, das Altern.

Doch das ist nur eine Facette des Werkes von Hans-Peter Feldmann. Im großen Saal der Kunsthalle präsentiert die umfassende Ausstellung neuere Skulpturen und Bilderserien, die den Blick wieder auf das Komische lenken, besonders auf die Bedeutungsschwere des allgemeinen Kunstbetriebes.

Umringt von einem überdimensionalen Papierflieger, einem Fahrrad und Tanzschuhen steht der inzwischen schon berühmte „David“, ein quietsch-rosa Ebenbild der Marmorfigur von Michelangelo. Mit goldig gelocktem Haupt- und Schamhaar und muskulösem Körper ist er ein echter Hingucker, der bei seinem Aufenthalt unter freiem Himmel in mehreren Städten bereits für aufgeregte Diskussionen sorgte. In der Kunsthalle ist der weiße Sockel unter der Skulptur auf einem Orientteppich betont würdevoll platziert.

Die Schau

Das Banale und Alltägliche rückt der Künstler in eine Kunstposition.

Hans-Peter Feldmann: Kunstausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf. Bis 22. August. di-so, 11 bis 18 Uhr; Katalog 29 Euro.

Telefon: 0211/8996240, http://www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare