Druckgrafiken des Informel im Museum Folkwang Essen

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Eine lyrische Abstraktion: Gustave Singier „La Patriette de Gonzalve“ (1957) aus der Folge „Abhandlung über die Maschinen“, zu sehen in Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Ernst Wilhelm Nay hatte mehr Zeit für einige kleinformatige Grafiken verwandt, als für manches Gemälde. 1957 und 1958 fertigte der Künstler zwei Druckserien in der Technik der Farb-aquatinta. Er setzte drei bis fünf Kupferplatten ein und druckte in bis zu 16 Gängen seine Farben aufs Papier. Noch heute ist den Blättern die Frische des Schaffensprozess anzusehen und die Freude E. W. Nays auf Farbentwicklungen in sich verändernden Flächen. Solche feinen Bildprozesse deutscher Nachkriegskunst lassen sich im Essener Museum Folkwang in der Ausstellung „Formexperimente. Druckgrafische Folgen des Informel“ betrachten.

Die Grafische Sammlung des Museum Folkwang fokussiert auf die experimentelle Arbeit der informellen Künstler. In den 50er Jahren, als der Neubau des Museums konzipiert wurde, sollte das Informel eine europäische Kunstrichtung werden. Essen war mit Ausstellungen zu den Werken Alfred Manessiers 1959 und Pierre Soulages 1961 ein Vorreiter für die Anerkennung der École de Paris in Deutschland. 1962 folgte eine große Retrospektive zu Ernst Wilhelm Nay. Im Zuge dieser Ausstellungen erwarb das Museum Folkwang informelle Kunst. Aus diesem Fundus schöpft die aktuelle Schau. Hinzu kommt eine Serie von Hann Trier, die das Märkische Museum Witten zur Verfügung stellte.

Auch Hans Hartung ist in Essen zu sehen. Er war 1935 nach Paris gegangen und sollte später abstrakt arbeiten ganz im Sinne der Pariser Schule. Seine Aquatinta-Blätter bieten flächig-dichte Strukturen, wie in „G 26“ (1953). Hartung fuhr mit einer Metallbürste über die lackierte Druckplatte und schuf somit seine Linienbündel.

Zu den Blättern von Pierre Soulages, der immer den Variationen von Schwarz auf zeichenhaften Formen nachspürte, ist in Essen noch ein Gemälde des Künstlers zu sehen. Soulages arbeitete in seinen Drucken von 1957 so entschieden, dass zwischen dem Schwarz auf seinen Blättern („Radierung 13“) und den zugesetzten Farben wie Braun und Blau, helle Freiräume entstanden. An diesen Stellen war die Kupferplatte durchgeätzt, so dass das weiße Blatt erkennbar war und zum Symbol für Licht avancierte. Eigentlich ging es Soulages in seinem Oeuvre immer um die formgebende Kraft des Lichts.

Gustave Singier illustrierte in sechs Lithografien Gedanken von André Frédérique, der in seiner „Abhandlung über die Maschinen“ (Traité de Appareils) die Forschung kritisierte. Singier macht daraus lyrische Abstraktionen, die aus verschiedenen Flächensystemen bestehen. Die inspirierten Formzeichen hat er nachträglich mit wohlgesetzten Farben gedruckt.

Neben Serien von Bernard Schultze, Fritz Winter und Alfred Manessiers bezaubern E. W. Nays Farben. Nay geht in seinen Aquatinten über die sogenannten „Scheibenbilder“ hinaus. Diese Gemälde-Reihe wird von Kreisen bestimmt, die Nay in den Druckgrafiken zu Gunsten neuer Farbwirkungen erweiterte. Wie in der „Farbaquatinta 1957–3“, wo die „Scheiben“ zunehmend verwischen.

Nach den drei Ausstellungen zum Informel im vergangenen Jahr in Witten, Recklinghausen und Hamm bietet das Museum Folkwang eine herrliche Ergänzung des Themas Nachkriegskunst.

Die Schau

Die Druckgrafik lässt Künstler ganze Bildserien erproben. Sehenswerte Bildfindungen!

Formexperimente. Druckgrafische Folgen des Informel im Museum Folkwang Essen.

Bis 26. Juni; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog Edition Folkwang/Steidl 28 Euro. Tel. 0201/8845 444

http://www.museum-folkwang.de

Quelle: wa.de

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