Druckgrafik von Camille Pissarro im Picasso-Museum Münster

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Ein mehrdeutiges Spiel der Blicke hielt Camille Pissarro in seiner Farbradierung „Markt in Gisors (Rue Cappeville)“ (1894) fest, die in Münster zu sehen ist.

Von Marion Gay MÜNSTER - Die Bäuerin bückt sich zum Gemüse, die Frau daneben stemmt die Hände in die Hüfte und blickt sich auf dem Feld um. Das Bild „Frau erntet Kohl“ von Camille Pissarro zeigt den schnöden Alltag auf dem Land Ende des 19. Jahrhunderts. Pissarro (1830–1903) zählt neben Claude Monet und Auguste Renoir zu den bedeutendsten Malern des französischen Impressionismus. Auch sein rund 200 Arbeiten umfassendes grafisches Werk zeugt von enormer Produktivität.

Etwa 100 Radierungen und Lithografien präsentiert das Kunstmuseum Pablo Picasso Münster unter dem Titel „Mit den Augen eines Impressionisten“. Die Werke aus den 1880er und 90er Jahren sind Leihgaben der Pariser Nationalbibliothek. In den meist kleinformatigen Schwarz-Weiß-Grafiken widmet sich Pissarro dem landwirtschaftlichen Arbeitsalltag sowie Kleinstadtszenen.

Der Maler, der auf der dänischen Antilleninsel Saint Thomas aufwuchs (heute Virgin Islands, USA), kam im Alter von 25 Jahren nach Paris, wo er Schüler von Camille Corot wurde und Paul Cézanne kennenlernte, später auch Monet und Renoir, mit denen er malte und ausstellte. Pissarro allerdings war der einzige Künstler, der zwischen 1874 und 1886 auf allen acht Gruppenausstellungen der Impressionisten vertreten war.

Ähnlich wie Renoir und anders als Monet stellt Pissarro den Menschen ins Zentrum. Zu sehen sind Bauern und Landarbeiter bei der Heuernte, Hirten wie die am Fluss sitzende Kuhhirtin, die Gänsehirtin oder der Schäfer. Der sozialpolitische Pissarro, der sich als Anarchist bezeichnete, verklärt die Landarbeit nicht romantisch oder religiös, sondern dokumentiert sie mit präzisem Blick. Die „Heuwenderinnen“ (1890) posieren so wenig wie die dahintrottenden „Reisigbündelträgerinnen“ (1896). Auch seine Landschaften sind keine Idyllen. Häufig liegen die nordfranzösischen Dörfer im Regen, dunkle Wolken drücken auf die Felder, die Bäume wirken windgepeitscht.

Pissarros Lithografien und Radierungen haben kleine Auflagen, denn was rar ist, gilt als teuer, auch wenn Pissarro zeitlebens arm blieb. Oft entstanden nur zwei oder drei Exemplare, dafür bearbeitete er die Druckplatten ständig weiter, manchmal bis die Weiterbearbeitung technisch nicht mehr möglich war. Von manchen Motiven existieren bis zu 15 Zustände, angefangen bei der zarten Liniendarstellung bis hin zum dunkel ausstraffierten Motiv wie etwa die „Frau am Tor“ (1889, 10. Zustand). Oft entstanden die Grafiken in Zusammenarbeit mit Edgar Degas, der wohlhabender war und die Druckkosten übernahm.

Eine der wenigen farbigen Arbeiten ist die Radierung „Markt in Gisors (Rue Cappeville“ (1894), von der auch die vier Druckplatten zu sehen sind. Die Marktszene wirkt wie beiläufig eingefangen: Die Frau im Mittelpunkt mustert den Kohl, der Mann dahinter ihre Rundungen. Oder betrachtet er bloß die Kartoffeln? Was für Renoir die Badende, scheint für Pissarro die Landfrau: natürlich sinnlich knotet sie ihr Kopftuch („Kartoffelernte“, 1886), selbstvergessen jätet sie das Unkraut „Die Jäterin“, 1887).

Andere Szenen zeigen die Stadt an der Schwelle zur Moderne. Noch spielen Pferdefuhrwagen und Schiffe die wichtigste Rolle im Reiseverkehr („Cours Boieldieu, Rouen“, 1884), aber gleichzeitig schieben sich die ersten Trambahnen ins Bild („Place de la République, Rouen“, 1883), das Pferd verliert sich bereits am Bildrand. Beeindruckend auch, wie sich Passanten und Fuhrwerke in den Pfützen spiegeln, wie Pissarro die Atmosphäre von Nieselregen wiedergibt.

Parallel ist im Obergeschoss eine Auswahl von Picasso-Arbeiten unter dem Titel „Was ich Picasso schon immer sagen wollte“ zu sehen.

Bis 17.11., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 4144710

www.kunstmuseum-picasso- muenster.de

Katalog 34,90 Eurro

Quelle: wa.de

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