Dresden erinnert an den Kritiker Will Grohmann

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Edmund Kesling gestaltete 1947 das Bildnis Will Grohmanns ▪

Von Achim Lettmann ▪ DRESDEN–„Eigentlich wollte ich Maler werden“, sagte Will Grohmann 1967. Da war der Kunstkritiker, Sammler, Berater und Kurator einer der einflussreichsten Kenner der modernen und zeitgenössischen Kunst in Deutschland.

Im Lipsiusbau an der Brühlschen Terrasse in Dresden zeigt die Ausstellung „Im Netzwerk der Moderne“ gleich zu Beginn, wie Grohmann seinem Vorbild Ernst Ludwig Kirchner nacheiferte. Das Gemälde „Frauen am Potsdamer Platz“ (1915) von Grohmann orientiert sich im Aufbau und den Figuren ganz an Kirchners gleichnamigem Holzschnitt von 1914. Von Grohmann sind auch Zeichnungen und Aquarelle zu sehen, die seine Reiseeindrücke wiedergeben. „Comer See, Florenz“ (1926/27) ist eine skizzenhafte Arbeit, die einmal mehr an Kirchners impulsiven Stil erinnert.

Grohmanns Lust zu Malen sollte eine vitale und ungewöhnliche Verbindung zu den Kunstwerken an sich werden, die er in Zeitungen vorstellte, für die er in Museumshäusern warb und die er Sammlern empfahl, zu kaufen. Der ausgebildete Lehrer, der vor allem wegen des Streits mit Carl Hofer um figürliche und abstrakte Kunst 1955 bekannt wurde, hielt die Werke von Künstlern mit schnellem Strich fest, bevor er Kritiken verfasste. Dies war die Grundlage seiner Annäherung.

In Dresden sind 64 Gemälde, 18 Skulpturen und 123 Arbeiten auf Papier ausgestellt, die mit Grohmann (1887–1968) in Verbindung stehen. Beispielsweise hatte er dafür gesorgt, dass Wassily Kandinskys Bild „Einige Kreise“ (1926) für Dresden angekauft wurde. Das Gemälde kam direkt aus dem Dessauer Meisteratelier des Bauhauskünstlers. Kandinsky setzte auf Grohmann: „Ich rechne in diesem Fall mit Ihrer Autorität und besonderer Energie und hoffe, dass Sie sich für mich einsetzen werden. Nicht wahr?“ Das Kandinsky-Gemälde ist seit der NS-Aktion „Entartete Kunst“ (1937) erstmals wieder in Dresden zu sehen, als Leihgabe des New Yorker Guggenheim Museums. Die sogenannte Dresdener Sammlung, die Werke der klassischen Moderne umfasste, wurde im Nazideutschland ausverkauft. Grohmann hatte maßgeblich dazu beigetragen, sie aufzubauen.

Solche Bildgeschichten sind im Multimedia-System der Ausstellung nachlesbar. Außerdem wird eine Ausstellung von 1946 medial rekonstruiert, die Grohmann in Dresden kuratiert hatte. Auch sein Briefwechsel mit Künstlern aus 50 Jahren ist auf dem Multi-Touch-Monitor abrufbar.

Die Präsentation selbst gibt den Gemälden, Papierarbeiten und Skulpturen ausreichend Platz im herrlichen hohen Raum des Lipsiusbaus mit seinen Kabinetten und Schaubalkonen. Ernst Wilhelm Nays großformatiges Gemälde „Das Freiburger Bild“ und die „Komposition“ von Fritz Winter (beide 1956) setzten mit ihren Farben und Formen Energien frei – mit unterschiedlichem Temperament. Beide Werke waren auf Empfehlung Grohmanns auf die documenta II 1959 nach Kassel gelangt.

Die Ausstellung verweist auch auf die Sammlung Grohmann, die 370 Werke umfasst hat. Es sind Bilder von Klee, Miró, Dix, Jawlensky, Schlemmer, Sonderborg, Richter, Trier... Das Archiv des Kunstkritikers befindet sich in Stuttgart. Ab 2008 recherchierte die Ferdinand Möller Stiftung (Berlin), um den Wirkungsgrad von Will Grohmann zu ermitteln. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden widmen dem Wegbereiter der Moderne diese herausgehobene Ausstellung.

Bis 6. Januar; di-so 10 bis 18 Uhr; http://www.skd.museum; Katalog, Hirmer Verlag, München, 25 Euro, Schriftenband 35 Euro

Quelle: wa.de

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