„Dreizehn Drei Dreizehn“ mit Corinna Harfouch bei den Ruhrfestspielen

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Mit einem Tanztheaterensemble stellen Corinna Harfouch und Frank Raddatz den Menschen im Verhältnis zu Krieg und Massenproduktionsmechanismen dar.

Von Anke Schwarze RECKLINGHAUSEN -  Das Radio meldet 2003 den Beginn des Irakkrieges. Die syrisch-amerikanische Schriftstellerin Etel Adnan hört in den USA von den Angriffen auf ihr ehemaliges Nachbarland. Sie findet Worte, die jede alltägliche Handlung sezieren. Käsen teilen, abbeißen, kauen, schlucken. Das Radio anschalten, hören, dass der Krieg begonnen hat.

„In einer Kriegszeit leben“ – um dieses Werk von Adnan inszenierten Frank Raddatz und Corinna Harfouch ein Theaterstück. Bei den Ruhrfestspielen wird „Dreizehn Drei Dreizehn“ in der Halle König Ludwig 1/2 aufgeführt. Es soll um das Verhältnis des Individuums zu Konflikten und Fortschritt gehen, um den Menschen als Teil einer Kriegsmaschinerie: von 1913, als Ford seine ersten Fließbänder laufen ließ, über 2003, als der Irak-Krieg begann, bis 2013. Die Folie bildet ein Tanzensemble. Raddatz und Harfouch haben aber darauf verzichtet, Adnans Worte durch das Tanztheater zu kommentieren, zu ergänzen. Stattdessen schufen sie ein Gegengewicht. Ein ausdrucksstarkes, zugegeben. Doch ein Zuviel an Assoziationsketten erdrückt Adnans Leitgedanken. Von Harfouch sehen die Zuschauer nur den blonden Kopf und einen zierlichen Nacken über einem ärmellosen schwarzen Kleid. Sie sitzt in der ersten Reihe und liest mit präziser, emotionsloser Stimme. Indem sie keine Regung zeigt, stellt sie sich in den Dienst des vordergründig sachlichen Textes von Adnan. Mehr Bewegung gestattet sie sich, als sie „Herakles 2 oder die Hydra“ von Heiner Müller liest.

Als Projektionsfläche dienen weiße Rigips-Stellwände. Sie bilden den optischen Leitfaden. Wege und Räume entstehen und verschwinden. Dem Fließen haftet etwas Friedliches an, bis aus Lautsprechern ein übersteuertes Pfeifen schrillt. Bässe wummern und treiben den friedlichen Rhythmus des Schaffens und Häuslebauens auseinander. Von da an bestimmen martialische Tanz- und Geräuschelemente das Stück. Stellwände werden zu kreischenden Sägen. Oder zu Angriffsflächen, die sich unter aggressivem Staccato nähern. Es gibt wenige Ruhepausen, etwa, wenn eine alte Tänzerin in Erinnerungen schwelgt. Die einzelnen Szenen sind stark und eingängig. Nur bleibt es bei einer Aneinanderreihung, wie in der Bilderschau, die als buntes Kaleidoskop auf die Stellwände projiziert wird: Willy Brandt, Fidel Castro, Kriegsbomber, Bilder von Picasso. Unmittelbar entsteht kein Zusammenhang zwischen Kriegsmetaphern und einer Pantomime von Fließbandarbeitern. Die Zuschauer müssen ihre Geschichtskenntnisse mobilisieren.

Adnan kommt am Ende selbst zu Wort. Aus dem Off appelliert sie an das Glück des Augenblicks. Es ist wieder ein starker Moment. Aber einer zuviel.

7., 8.6., 0 23 61/92 1 80, www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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