„Dreigroschenoper“ am Schauspiel Dortmund

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Der Boss im Bordell: Szene aus der Dortmunder „Dreigroschenoper“ mit Axel Holst. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Beginnen wir mit dem, was gelungen ist in der „Dreigroschenoper“ am Schauspiel Dortmund. Andreas Beck zum Beispiel trägt die Schlusszeilen als Barockrezitativ vor, und macht das mit sonorem Bassbariton richtig gut.

Bettina Lieder gibt eine hinreißende Polly, ein Backfisch mit Piepsestimme, der an den richtigen Stellen zubeißt. Das Seeräuberlied und das „Ja da kann man sich doch nicht nur hinlegen...“ gibt sie in der perfekten Mischung aus Naivität und Durchtriebenheit. Und erst die versoffene Frau Peachum von Uta Holst-Ziegeler: herrlich skrupellos und abgeklärt. Ein Extralob verdient der musikalische Leiter Paul Wallfisch, der Weills vertrauten Songs manch unerwarteten Ton ablauscht, mal einen sanften Latingroove unterlegt, dann wieder einige Jazzharmonien oder etwas Bluesfeeling, ohne dass der Charakter dieser Lieder verloren ginge.

Eigentlich also könnte man zufrieden sein mit dem Abend, den Martin Nimz mit Brechts Klassiker gestaltet. Warum aber fühlt sich das so anders an? Der Abend beginnt mit einigen absoluten Hits, dem Mackie-Messer-Song und dem Lied der Seeräuber-Jenny und dem Kanonen-Song, bei denen man eigentlich nichts falsch machen kann. In der Dortmunder Premiere gab's keinen Szenen-Applaus. Was auch am schlechten Klang liegen kann: Unter der Wucht von Schlagzeug und Blechbläsern gehen Sänger und nostalgische Orgel unter.

Nimz konzentriert sich auf episches Theater in dem Sinn, dass die Schauspieler über weite Strecken ins Publikum dozieren statt miteinander zu spielen. Alles geht nach vorn, an die Rampe, und vermittelt eher den Eindruck eines Song-Abends als den eines Schauspiels. Als Bühne steht da eine kreisförmige, nach vorn abgesenkte Mauer, über die die Darsteller schon mal mit Rollkoffern laufen als Bettlerkolonne. Als Choreografie für einen Bühnenhit bleibt das dürftig. Es gibt hübsche Momente: Wenn Mackie das Bordell besucht, dreht sich die Bühne und gibt den Blick auf die Mädchen frei, die als lebendes Bild in aufreizenden Haltungen posieren. Und Mackie im Knast hängt an einem Drahtseil, verliert den Boden unter den Füßen, während Polly und ihre Rivalin Lucy an ihm hängen. Aber auch das füllt keinen Abend.

Leider liegt es auch an Darstellern. Axel Holst zum Beispiel bleibt dem Mackie einiges an Gerissenheit schuldig. Für einen Gangsterboss bewegt er sich zu steif – als wäre er ein Beamter. Wenn er seinen Leuten „Schnauze“ zublafft, klingt das wie ein Zitat. Und ein starker Sänger ist er auch nicht, man merkt es im Duett mit der Bordellchefin Jenny, da überstrahlt ihn Melanie Lüninghöner. Die Stimme gehört auch nicht zu Uwe Rohbecks Stärken, sein Bettlerkönig Peachum freilich erfreut durch leise Bosheit und Präzision.

Eigentlich kann man ein starkes Stück wie die „Dreigroschenoper“ gar nicht versemmeln. Und schlecht ist das nicht, was die Besucher im Schauspiel Dortmund sehen. Aber eben auch nicht richtig gut. Der Funke springt einfach nicht über. All die bösen Pointen gegen den Kapitalismus verpuffen, werden aufgesagt, aber nicht mit Leben gefüllt. Das Timing stimmt nicht. Da wird zu viel vorn an die Rampe gestellt, ohne dass die Zuschauer berührt würden.

10., 15., 25., 26.12., 2., 14., 30.1., Tel. 0231/ 5027 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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