Drei Stücke von Jelinek am Schauspiel Köln

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Es geht zur Sache beim Kölner Jelinek-Abend. Szene mit Thomas Loibl und Kathrin Wehlisch. ▪

Von Eva Schäfers ▪ KÖLN–Das Wasser drückt von unten aus der Grube, und von oben ergießt sich eine nasse Fontäne. Die Menschen verlieren buchstäblich den Boden unter den Füßen, sie geraten ins Schlingern, suchen Halt am Anderen. Einer greift da nach den Brüsten einer Frau, die haut ihm eine, er fällt ins Nasse und zieht im Fallen einen Anderen zu Boden. Vergnügter Slapstick. Wortmassen stürzen auf das Publikum nieder, das man die Ohren manchmal zustöpseln möchte, aggressive Wortsturzbäche wie das tobende Wasser, das sich im letzten Stück auf die sandige Bühne des Kölner Schauspielhauses ergießt.

Mit einer Trilogie von Elfriede Jelinek eröffnet Intendantin Karin Beier die neue Spielzeit. Der Mensch kämpft gegen die Natur in den Stücken „Das Werk“, „Im Bus“ und „Ein Sturz“, wobei die letzten beiden Uraufführungen sind, „Ein Sturz“ sogar eine Auftragsarbeit für das Kölner Theater war. Natürlich hat Jelinek keine „normalen“ Stücke geschrieben, sondern monologische Textberge, ohne Charaktere und vorwärtsdrängende Handlung, aber mit kraftvoller Sprache, von brillantem Wortwitz, manchmal auch schnoddrig kalauernd, aber sonst fast durchgehend auf hohem Ton, alten Göttermythen abgelauscht. An Stelle der Götter sei die Natur selbst getreten, so die Autorin über ihre „Stücke“. Für Regisseurin Karin Beier ist das zunächst eine gewaltige Herausforderung gewesen.

Der Ingenieur will sich in seiner faustischen Arroganz von der Natur keine Grenzen setzen lassen, und so „bügelt er die Unarten des Gebirges aus“. Dicke Betonplatten bearbeitet ein heftig schwitzender Arbeiter mit seinem Presslufthammer. Das erste Stück, „Das Werk“, handelt vom Bau eines Speicherkraftwerks in den österreichischen Kapruner Alpen in den 20er Jahren. Kleine Tischchen (mit vielen Wasserflaschen für die Wasserspiele der Akteure) strukturieren eine tiefschwarze, sich weit nach hinten öffnende Bühne (Johannes Schütz). Eine mausgraue Putzfrau (Rosemary Hardy), die eben noch das Wasser aufgewischt hatte, nun plötzlich mit einem knallroten Federkostüm zur Variété-Diva aufgebrezelt, schmeißt gutgelaunte Koloraturen ins Publikum, Mao und Marx tänzeln mit Gesichtsmasken herum, und die skurrile Musik vom Bühnenrand schwillt an zu einem ohrenbetäubenden Crescendo. Immer wieder läutet leise das Totenglöckchen, doch die Natur antwortet nicht, sagt da einer. Zuletzt erscheint die Autorin selbst (Susanne Barth) – im Hintergrund ein Riesen-Dia der Jelinek mit ihrer Stirntolle. Und ein wohltemperierter Chor stimmt Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“ an.

Am meisten freuten sich die Premierengäste wohl auf den „Sturz“, da er die Kölner U-Bahn-Katastrophe zum Thema hat, und Karin Beier tat wohl daran, dieses Stück ans Ende zu setzen. Wieder taucht das Wasser auf, das sich hier mit der Erde einen Kampf liefert. Karin Beier lässt die beiden Urgewalten von zwei (grandiosen) Tänzern verkörpern. Der athletische Wasser-Mann (Krzysztof Raczkowski) nähert sich der heißblütigen Erde (Kathrin Wehlisch) und entfernt sich, kommt zurück, wirft sie zu Boden, umschlingt sie und wirft sie zuletzt in die Wassergrube, während die Menschen sich Sandwiches in den Mund schieben und sich gähnend auf den Bürostühlen räkeln. Erst als sich immer mehr Wassermassen, sogar von oben, auf sie ergießen, kommt Leben in sie. Und die Ingenieure, oh, die von der Autorin so verlachten und verachteten Ingenieure! Als sich das Wasser von unten aus der Baugrube nach oben gurgelt und drückt, versuchen die drei Anzugträger es mit einer Hand zaghaft, oh, so zaghaft, zurückzuschieben. Hilflose Worte des Kölner Ex-Oberbürgermeisters schrammen vom Band: „Eine Naturkatastrophe, da konnte man gar nichts machen.“ Da lachen viele im Publikum, denn die hier sitzen, wissen alle, dass die Katastrophe menschengemacht war.

Die Schauspieler wirken stark: Thomas Loibl mit seinem fein humoristischen Grundton und nuanciert durchgestalteter Sprache, Lina Beckmann als tollpatschig-hilfloses Katastrophenopfer und Manfred Zapatka, der auf der Bühne charismatischer erscheint als in seinen glattgebügelten Fernsehrollen. Ein assoziatives und kraftvolles Gesamtkunstwerk hat Karin Beier gestaltet, aus der sturzbachartigen Sprache Jelineks, Tanz, dem Zauberflöten-Chor und einer inspirierten Musik.

Das Werk, Im Bus, Ein Sturz

am Schauspiel Köln.

6., 7., 14., 23., 24., 28.11., 3., 30.12.,

Tel. 0221 / 22 12 84 00

http://www.schauspielkoeln.de

Quelle: wa.de

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