Dostojewskis „Großinquisitor“ als Monolog in Bochum

+
Gesten der Freizeit: Michael Lippold in der Inszenierung „Der Großinquisitor“ am Bochumer Theater Rottstr. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Mit Holzkohlengrill und Sonnenbrille erscheint Michael Lippold im Theater Rottstr. 5. Hier ist Platz für Freizeit, für Selbstbeschau und gepflegten Eigensinn.

Lässig zieht der Schauspieler ein Stück Fleisch aus dem Jackett: Es wird gebruzzelt. Außerdem gibt es Tomatensaft und Zigaretten in Bochum. Regisseur Hans Dreher bietet eine saloppe Einleitung in die moderne Klassik der europäischen Literatur. „Der Großinquisitor“ von Fjodor Dostojewski ist ein Monolog aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“. Dabei tritt Lippold als dandyhafter Erzähler auf, der ein „Poem“ vorstellen will – mit der zynischen Geste eines Unterhalters, der den Dialog mit dem Publikum nur vordergründig sucht. Dahinter steckt Dostojewskis Figur des Iwan, der die römische Kirche nüchtern und rational kritisiert, indem er über die Praktiken der spanischen Inquisition spricht, über die Verbrennung Hunderter von „Ungläubigen“ in Sevilla, über Geschrei, Angst und Fleischgeruch.

Die Inszenierung hält den Erzählstoff auf Distanz. Lippold geht in Pose und macht den Gekreuzigten. Als Jesus erscheint er nun und Sehnsuchtsmusik von Arvo Pärt erklingt vom Band. Das Volk braucht ihn, aber der Auferstandene wird eingekerkert. Lippold schlüpft in die Rolle des Großinquisitors, er trägt eine Kutte und verunglimpft die drei Versuchungen Christi, der laut Bibel dem Satan widerstand. Michael Lippold führt einen schrittweisen Wandel ins Dämonische vor und breitet das Spiel als skeptizistischen Erkenntnisakt aus. Das gelingt und ist sehr ansehlich.

Dostojewskis thematisiert das Kalkül, mit dem die Kirche ihre Autorität institutionalisiert. Jesu Wunder, der in Sevilla ein Kind auferstehen lässt, stört nur die Machtvollkommenheit des Großinquisitors. Lippold reißt sich die Kutte vom Leib und weist schroff die Liebe Jesu zurück. Er zündet Kerzen an, erscheint als Ku-Klux-Klan-Figur und geißelt sich, als Unterwerfungsakt des Menschen im Kirchenstaat. Das ist bizarr, finster und wird im Bühnenraum des Theaters Rottstr. 5 (Ausstattung Dreher, Lippold) zu einem gespenstischen Showdown, wenn Michael Lippold einen Scheiterhaufen aus Stühlen besteigt, katzenhafte Kontaktlinsen trägt und sich in ein langes Schleichertuch wickelt.

Die Inszenierung berührt Themen wie absolute Freiheit, Glauben und Unterwerfung. Die Bezüge zu den Moderatoren unserer Freizeitgesellschaft greifen allerdings nicht. Bei Dostojewski spürt der Großinquisitor einen Kuss Jesu, der ihm auf dem Herzen brennt. In Bochum ist dieser moralische Reiz ausgespart. Jesus wird rausgeworfen.

Drehers Inszenierung spitzt Dostojewskis Prinzip der menschlichen Existenz ohne Gott noch zu. Der russische Schriftsteller hatte allerdings in dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von dieser Überzeugung Abstand genommen. Er erkannte in der Unsterblichkeit den Quell aller höheren Ideen, letztlich das Leben selbst.

Der Großinquisitor im Bochumer Theater Rottstr. 5

28. Juli, 6. August;

Tel. 0163 / 761 5071

http://www.rottstr5-theater.de

Das Theater Rottstr.5 spielt den ganzen Sommer durch. Es folgen Premieren am 27. Juli, 18. und 24. August.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare