Dostojewskijs Roman „Der Idiot“ als Drama am Theater Oberhausen

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Verbotene Genüsse. Szene aus „Der Idiot“ mit Moritz Löwe (links) und Michael Witte. ▪

Von Ralf StiftelOBERHAUSEN– Zwischen zwei Männern muss sich Nastassja entscheiden. Mal tanzt sie mit Myschkin, dem blonden Edelmenschen, mal dreht sie mit dem dunkelhaarigen reichen Rogoschin zwei, drei Runden. Genauso wechselt der Sound. Jeder Liebhaber hat seine Musik. Der Seelenzwiespalt wird ohne Worte deutlich, als dissonante, wilde Choreografie.

Es gehört Chuzpe dazu, aus Fjodor Dostojewskijs Roman „Der Idiot“ ein Theaterstück zu machen. Buchausgaben haben 800 bis 900 Seiten. Am Theater Oberhausen lässt Andriy Zholdak die komplizierte Liebesverwirrung in fast vier Stunden spielen, von neun Darstellern, und er spart sich viel Text. Dem Regisseur aus der Ukraine gelingt ein eindringliches Bühnenerlebnis, das mit grandiosen Bildern prunkt und aus der Konzentration und Reduktion kreative Funken schlägt.

Dostojewskijs Roman, 1868 vollendet, schildert den Fall des Fürsten Myschkin, der in der Schweiz seine Geisteskrankheit kurieren ließ. Auf dem Heimweg nach Petersburg trifft er den Kaufmannssohn Rogoschin, einen reichen Erben, der seinen Leidenschaften folgt, insbesondere der für die schöne Mätresse Nastassja. Sie war Pflegetochter von Tozkij, der sie sexuell missbraucht hatte und nun verheiraten will. Myschkin verliebt sich sofort in Nastassja, die zwischen den beiden steht. Dann ist da noch die Generalstochter Aglaja, die Myschkin ebenfalls liebt. Am Ende ist Nastassja ermordet von Rogoschin, und Myschkin sitzt tröstend bei ihm, dem Konkurrenten, Freund, Mörder.

Das ist schwerer Stoff. Zholdak macht daraus eine surreale Tragikomödie. Erzählt wird weniger über Dialoge als über starke Bilder, über Wiederholungen, die szenische Vorgänge als Rituale kenntlich machen, über laute Musik. Moritz Löwe führt als Clown durch die Szenenfolge, übernimmt Dienerfiguren. In Myschkin, dieser Christus-Figur, die sich absolut rein und ehrlich verhält, aber damit genau die Katastrophen heraufbeschwört, die er vermeiden will, steckt nun einmal komisches Potenzial.

Zholdak hat mit Ausstatterin Tatyana Dimova eine Bühne geschaffen aus zwei Salons, die durch eine ausfahrbare Wand getrennt sind. Genau eins der vielen Fenster ist so sauber, dass man den Birkenwald dahinter erblickt. Wie bei den Protagonisten gibt es eine Hell-Dunkel-Polarität. Die linke Bühnenhälfte ist weiß und sauber, im rechten Raum bröckelt die Farbe von den Wänden. Die Frauen üben im Tütü Ballettschritte, und Myschkin versucht das auch, ungelenk, ein Fremdkörper. Die Regie führt die Figuren oft parallel, lässt Myschkin und Nastassja den Spiegel anhauchen und blankreiben. Oder sie legen gleichzeitig die Köpfe auf einen Tisch. Wie klein die Welt ist, zeigen absurde Szenen wie das heimliche Rauchen oder das Spionieren durch Löcher in der Wand. Die Künstlichkeit von Dostojewskijs Geschichte wird so offenbar.

Die Schauspieler lösen die anspruchsvollen Aufgaben beeindruckend. Allein die Tanzschritte, Sprünge, Läufe verlangen eine physische Präsenz, die man sonst selten sieht. Michael Witte gibt dem Myschkin wunderbare Kindlichkeit. Wie ein Träumer bewegt er sich durch die geilen, geschäftstüchtigen Vertreter der guten Gesellschaft. Nora Buzalka spielt die Nastassja als Leidende und Emanzipierte zugleich, die das, was man ihr andressierte, nun gegen ihre Quälgeister einsetzt – zum Beispiel die Kindchenrolle. Henry Meyer zeigt den Rogoschin mal als Gangsterboss, der sich den roten Teppich ausrollen lässt, wenn er ins Zimmer kommt, dann wieder als einen, der vor dem Hausaltar seine Schuldgefühle auslebt. Manja Kuhl verkörpert die Aglaja, die kaum weniger Zwängen unterliegt wie ihre dunkle Rivalin. Das Spielpensum ist enorm, in einer Szene mimt Klaus Zwick gleichzeitig den General Jepantschin und Tozkij inklusive eines Dialogs der beiden Figuren, und sein Ruf „Wo ist denn Tozkij“ und sein „Ich bin Tozkij“ veredeln solche Besetzungsnot zur komischen Tugend.

Vier Stunden lang schaut man in Seelenabgründe. Das fordert. Und es belohnt auch.

10., 17., 18.6.,

Tel. 0208/ 8578 184, http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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