Dortmunds Theater führt Mitmachstück „Das Glitzern der Welt“ auf

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Der Schleuser (David Guy Kono, Mitte) ist im Dortmunder Theaterprojekt des kainkollektivs auch Performer.

DORTMUND Alles beginnt mit dem Knopf im Ohr. Die Stimme von Carlos Lobo verwandelt den Besucher im Dortmunder Schauspiel zum Fremdling in der Stadt D., der die Chance zum Ausbruch bekommt. Zuerst allerdings muss er eintauchen in die moderne Hölle: die vorweihnachtlich aufgeheizte Konsumwelt der Innenstadt.

„Das Glitzern der Welt“ findet man vielleicht im Schaufenster von Modeboutiquen und Schmuckläden. Am Theater Dortmund allerdings ist das der Titel eines Mitmachstücks, bei dem das kainkollektiv pro Aufführung sechs Menschen in Außenseiter auf der Flucht verwandelt. Fabian Lettow und Mirjam Schmuck inszenieren eine Abenteuerreise durch den öffentlichen Raum.

Am Schauspiel checkt man ein, bekommt einen MP3-Player mit Ohrstöpseln, den alle synchron starten müssen. Dann beginnt die Geschichte, die Lobo angemessen dramatisch einspricht. Gründe spielen da keine Rolle, wichtig ist nur: Der Zuschauer wird zum Auserwählten. Er darf raus. Aber der Weg wird kein leichter sein, führt aus dem Schutzraum des „Instituts“ hinaus in die grelle Innenstadt, durch Ladeneingänge und Aufzüge in Verkaufsräume, die zwar öffentlich sind, aber doch der Verfügung der Geschäftsleute unterliegen. Hierher kommt man nicht, um sich Überlegungen zu Freiheit und Konsum anzuhören, während man vermeintlich zweckfrei den Wegen folgt, die einem die Stimme weist. Hier soll man konsumieren. Sehr schön vermittelt die Inszenierung das Gefühl, mitten im munteren Einkaufstrubel etwas Verbotenes zu tun.

Dann wechselt die Szenerie. Gerade noch nahm man die vertraute Stadt wahr wie ein Forschungsreisender. Da kommt das Kommando zur Flucht. Hin zum Treffpunkt, in einen Kleinbus mit zugeklebten Fenstern. Das ist viel komfortabler als ein Schlauchboot auf dem offenen Meer. Und man hat ja das Video auf dem Bildschirm, das anfangs die Straßen von D. zeigt, die man durchaus kennt. Aber ein bisschen unwohl macht es schon, die Enge, die Ungewissheit.

Der Transporter hält. Die Tür geht auf. Ein Afrikaner in knallgelbem Anzug mit Stirnleuchte erscheint. Eine Kontrolle. Und weiter geht die Reise, zu Fuß über eine Industriebrache am Hafen, wo der Schauspieler, der sich als Monsieur K. vorstellt, was ein wenig an Kafka erinnert, zum Animateur mutiert. Unser Schleuser fragt, erzählt von Douala in Kamerun, woher er stammt. Er singt, klatscht, springt an ein Absperrgitter, das uns noch vom rettenden Boot trennt. Kurswechsel, es geht in einen Keller, zu einer Mischung aus amtlicher Befragung und religiösem Ritus. Und auch wenn die toten Ahnen nicht wirklich zufrieden mit den Reisenden sind, dürfen die doch aufbrechen.

Und wieder findet das Dortmunder Theater eine spannende Spielform, die sogar den Sprung aus der Konsumwelt in die Flüchtlingsthematik plausibel vollzieht. Es gelingt, dass der Besucher den eigentlich vertrauten Stadtraum als fremd erlebt. Ein bisschen Gesinnungsdruck ist auch dabei, aber das sollte ein Mitglied einer mitteleuropäischen Wohlstandsgesellschaft aushalten können. Und Monsieur K., mit vollem Namen David Guy Kono, ist ein großartiger Performer.

4., 5., 6., 11., 12., 18., 19.12., jeweils mehrere Vorstellungen,

Tel. 0231/ 50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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