Das Dortmunder U zeigt Filmkunst aus dem Centre Pompidou

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Der fallende Gangster: Einer von drei „Men in the Cities“, zu sehen in Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Für seine Serie „Men in the Cities“ wurde Robert Longo zum Killer. Er schleuderte Wurfgeschosse auf seine Modelle und fotografierte sie, wie sie theatralisch fielen. Aus diesen inszenierten Bildern schuf er lebensgroße Zeichnungen. Und so sterben sie nun als Triptychon an der Wand im Dortmunder U, eine Choerografie des Todes, inspiriert von einer Gangster-Szene in Rainer Werner Fassbinders Film „Der amerikanische Soldat“. Aus Kino wurde Kunst.

Damit sind wir mitten im Thema der Ausstellung „Bild für Bild. Film und zeitgenössische Kunst“. Von Samstag an zeigt das Museum Ostwall rund 65 Werke aller Genres aus der Sammlung des Pariser Centre Pompidou, die den Dialog zwischen Film und Kunst dokumentieren. Die Schau, kuratiert von Philippe-Alain Michaud und Olivier Michelon, bildet einen der letzten Höhepunkte des Kulturhauptstadtjahrs.

Das Pariser Haus hat die wohl weltweit führende einschlägige Sammlung: 1700 Filme und 2000 Werke neuer Medien. Allerdings betont Michaud, dass er Film anders zeigen wolle als im Kino. „Film ist kein Medium, sondern eine Art, sich Bilder vorzustellen.“ Darum sind auch in Dortmund neben Filmen Arbeiten in anderen Medien zu sehen, Malerei, Skulpturen, Zeichnungen, Installationen. Die Präsentation mit Werken berühmter Künstler wie Roy Lichtenstein, Donald Judd, Frank Stella, Richard Serra ist thematisch gegliedert, eine Art Essay in Ausstellungsform.

Es beginnt mit den Grundelementen: Film besteht aus Licht und Zeit. So besteht Anthony McCalls Film nur aus einem Lichtstrahl, der auf der schwarzen Wand langsam einen Kreis formt. Gleich drei Arbeiten beschreiben ein anderes Grundelement von Film: Die Projektionsfläche. Nam June Paik schuf 1964 „Zen for Film“, einen unbelichteten Zelluloidstreifen, der im Projektor läuft und auf die Wand ein weißes Rechteck wirft, in das der Betrachter seine Gedanken schicken kann. Der japanische Künstler Hiroshugi Sugimoto fotografierte 1993 Vorführungen in Autokinos in Langzeitbelichtung, so dass der komplette Film in einem Foto erscheint – als weiß strahlende Fläche. Und Wolfgang Laib lässt eine Marmorplatte mit einem Film aus Milch überziehen, gehalten durch Oberflächenspannung, was ebenfalls eine scheinbare Leere ergibt.

Am Ende dieser langen Reihe stehen opulente Inszenierungen wie Kenneth Angers Kurzfilm „Inauguration of the Pleasure Dome“. Darin spielen Menschen in surrealen Kostümen, die an Science Fiction und Horror der Stummfilmzeit erinnern, rätselhafte Handlungen, was untermalt wird mit dem Album „Eldorado“ des Electric Light Orchestra.

Dazwischen gibt es die unterschiedlichsten Themen. Der Aspekt der Montage ist mit Roy Lichtensteins Gemälde „Modular Painting With Four Panels“ illustriert. Rhythmus wird mit einem Film von Richard Serra verdeutlicht: Zu sehen ist die Hand des Künstlers, der versucht, fallende Bleiblätter aufzufangen, und die dann wieder fallen lässt. Dass die Bilder laufen, zeigt eine serielle Skulptur übereinander an die Wand montierter Kästen von Donald Judd ebenso wie ein Lichtobjekt von Jette Hein, eine Reihe von Würfeln, deren Kanten Neonröhren sind, die reihum an- und ausgehen. Filmisch sind auch die Serien von „Heartbeat“, in denen Nan Goldin Familien in intimen Situationen fotografierte. Die Aufnahmen laufen als automatische Diashow, mal Vater, Mutter, Sohn in der Badewanne plantschend, mal ein schwules Paar beim Sex, und Björk singt dazu ein „Gebet“ von John Taverner.

In immer neuen Anläufen zeigt sich, wie Filmisches die bildende Kunst prägt. Da gibt es die spröde Installation Rodney Grahams, der einen historischen Projektor den Film einer Schreibmaschine zeigen lässt. Die reale und die gefilmte Maschine sind voneinander abhängig: Im dunklen Raum ist der Projektor allein durch den Widerschein der Leinwand sichtbar. Edward Kienholz schuf einen phantastischen Raum mit „While Visions Of Sugar Plums Danced in Their Heads“: Ein Schlafzimmer als Filmset, und im Bett liegen seltsame Gestalten, wie Mutanten oder Außerirdische. Tacita Dean schließlich drehte einen unmöglichen Film über die Produktion von Rohfilm. Wegen der Lichtempfindlichkeit des Materials findet das normalerweise in völliger Dunkelheit statt, die Künstlerin konnte einen technischen Testlauf nutzen.

Man muss Zeit mitbringen für diese Präsentation, nicht nur, weil manche Filme mehr als eine halbe Stunde laufen. Es gibt noch für unersättliche Cineasten ein Non-Stop-Programm mit raren experimentellen Filmen in einem Vorführraum, der mit Kunstsofas von Franz West möbliert ist.

18.12.–25.4.,

di, mi 10 – 18, do, fr 10 – 20, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0231/50 23 247; www. museumostwall.dortmund.de,

Katalog 29 Euro

Quelle: wa.de

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