Der Dortmunder „Tatort“ zitiert Knast- und Horrorfilme: „Tollwut“

+
Häftling Markus Graf (Florian Bartholomäi) will mit Kommissar Faber (Jörg Hartmann) reden. Szene aus der Dortmunder „Tatort“-Folge „Tollwut“.

Den Tod durch Tollwut zeigt der neue „Tatort“ aus Dortmund gleich am Anfang in aller Drastik. Da wirft sich der schwere, muskulöse Mann gegen die Fixierfesseln, geschüttelt von Krämpfen, würgt grüngelben Schaum in den Bart, röchelt, während der Pulszähler immer schneller piepst. Da hilft keine Injektion, keine Herzmassage mehr.

Den Horror in der Justizvollzugsanstalt Dortmund inszeniert Dror Zahavi mit den Mitteln des Genrefilms. Während drinnen ein Häftling qualvoll stirbt, zerrt draußen der Schäferhund des Wachmanns knurrend an der Leine. Aggression ist angesagt in der Folge „Tollwut“, dumpfe Gefühle und ein ausgetüftelter Ausbruchsplan.

Der Tote, ein Doppel-Mörder, saß schon vier Jahre ein. Wie konnte er sich infizieren? Das Dortmunder Ermittler-Team um Kommissar Faber (Jörg Hartmann), dem gerade der vierte Mann Daniel Kossik abhanden gekommen ist, trifft in der JVA einen alten Freund. Der frühere Pathologe und jetzige Gefängnisarzt Jonas Zander (Thomas Arnold) weiß, dass er schon tot ist, obwohl er noch atmet. Er hat sich bei dem selben Vorfall infiziert wie der Tote, bei einer Messerstecherei unter Häftlingen, bei der die Klinge den Rabies-Virus trug. Es ist zu spät für eine Therapie. Auch Zander wird sterben. Und wie Arnold das lange, langsame Verenden seiner Figur spielt, das berührt.

Kann es ein Zufall sein, dass gerade Markus Graf (Florian Bartholomäi) in die JVA Dortmund verlegt wurde? Graf, der wahrscheinlich Fabers Frau und Tochter ermordet hat und damit verantwortlich ist für Fabers angeknackste Psyche. Der Serienkiller wurde im vierten Dortmund-„Tatort“ „Auf ewig dein“ gefasst. Jetzt sucht er wieder die Aufmerksamkeit des Ermittlers. Und auch Faber verdächtigt Graf, hinter den Vorfällen im Knast zu stecken. Seine Kolleginnen Bönisch (Anna Schudt) und Dalay (Aylin Tezel) halten das für einen Fehler.

Vielleicht stiftet eher die albanische Mafia das Chaos. Aber was ist das Motiv des Gangsterbosses Kodra (Murathan Muslu), der doch unmittelbar vor seiner Auslieferung in die Heimat steht – wo er wegen der dortigen Korruption schnell wieder frei wäre?

Jürgen Werner ist so etwas wie der Stammautor des Dortmund-„Tatorts“, acht der elf Fälle schrieb er. Diesmal ist vieles anders als in den vorherigen Filmen, so nimmt Hartmann die Marotten Fabers ziemlich zurück. Hier spielt er nicht im Duett mit Bönisch die Taten nach, und er hält sich auch mit Provokationen zurück. Aber es bleibt die Anlage des „Tatorts“ als horizontale Erzählung über mehrere Folgen hinweg. Kossik hat seine Schussverletzung überlebt, ist aber zum LKA nach Düsseldorf gewechselt. Auch Dalay überlegt, sich von Dortmund wegzubewerben. Sie stellt Fabers Autorität in Frage. Und vielleicht ist Faber besonders gruselig, wenn er einfach mal nett sein will und morgens mit „lecker Koffeinspritzen“ für die Kolleginnen kommt, um das Betriebsklima zu verbessern. Jedenfalls spürt man, wie der Grenzgänger Faber sich auf einmal um so etwas wie Teamgeist bemüht.

Für den eigenwilligen, rauen Ruhrpotthumor ist diesmal wenig Platz. Selbst von Dortmund sieht man nicht viel, stattdessen spielt der Film die meiste Zeit in einem Betonbunker, der jedem Hollywoodknast Ehre machen würde. Der WDR fand den Schauplatz in einem stillgelegten Gefängnis in Magdeburg. Aus der Region in Sachsen-Anhalt stammen auch die meisten Statisten, dieser Knast ist von einer bizarren Schar harter Kerle mit Extrembärten, Extremglatzen und Extremtattoos bevölkert.

Der Film buchstabiert das Vokabular von Horror- und Knastfilmen durch. Es gibt weitere Leichen mit Schaum vor dem Mund, es gibt eine sehenswerte Panik, und Faber trifft seinen schlimmsten Alptraum, diesen so unscheinbaren Psychopathen, der harmlose Alltagsfloskeln wie tödliche Beleidigungen klingen lässt: „Das Leben hat noch so viel zu bieten.“

Gerade weil die Folge viele der bewährten Mittel beiseite lässt, wirkt sie sehr spannend. Der Zuschauer folgt den Ermittlern vorbei an kahlen Betonmauern und Stacheldraht in schäbige Zellen, die noch auf dem Bildschirm Klaustrophobie erzeugen. Dumpfe Bässe und Rattenfiepen, Krachen, Scheppern, unvermittelte Stille und dann wieder die Würgegeräusche eines Sterbenden: Auch der Ton dieses Films sitzt.

Sehr sehenswert. Nichts für zart besaitete Gemüter, aber das war der „Tatort“ aus Dortmund noch nie.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare