Dortmunder Ausstellung „Going West!“ über den Wilden Westen im Comic

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Im Galopp den Gangstern auf der Spur: Walt Disney’s Held Micky Mouse in einem Abenteuer, das Floyd Gottfredson 1933 zeichnete.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Im Herbst 1948 ergriff der belgische Zeichner Joseph Gillain (Jijé) die Flucht aus dem zerstörten Nachkriegseuropa. Er siedelte um in die USA. Zwei Kollegen kamen mit, Maurice de Bévère und André Franquin. Die Wohngemeinschaft machte sich im Auto auf den Weg von New York nach Los Angeles. Die Zeichner erhofften sich Jobs bei den Disney-Studios. Diese Pläne zerschlugen sich. Aber aus dem Westen brachten die Künstler etwas mit. Motive und Lokalkolorit für einige der beliebtesten Comics überhaupt wie Lucky Luke und Jerry Spring.

Nicht nur wegen der USA-Reise der frankobelgischen Künstler ist der Wilde Westen geradezu den Genen der Comic-Kunst eingeschrieben. Wie sehr Landschaft und Bildgeschichte zusammen gehören, das zeigt die wunderbare, vom Künstler und Comic-Fachmann Alexander Braun kuratierte Ausstellung „Going West“ im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund. Mehr als 120 Originalzeichnungen, hunderte von alten Zeitungsseiten und Album-Erstausgaben, dazu Fotos bieten eine opulente Übersicht. Hinzu kommt der erste abgeschlossene Spielfilm – natürlich ein Western: In „The Great Train Robbery“ von 1903 wird in zwölf Minuten ein Überfall und die Ergreifung der Täter geschildert.

In der ersten Blütezeit des Mediums, beim frühen Zeitungscomic in den USA, war der Wilde Westen noch lebendige Gegenwart für die Leser. In einer dokumentarischen Einleitung bringt die Schau Fotos aus dem frühen 20. Jahrhundert von Siedlern in Nebraska und Goldsucherinnen in Montana. Ein geradezu surreales Foto zeigt eine Halde aus Bisonschädeln. Aber das Bild steht schon für die heranbrechende Neuzeit: Die Knochen wurden zu Dünger verarbeitet.

1901 erschien in der New York World die Geschichte eines Sonntagsjägers: „His First Grizzly“, ein Tier, das dem rotnasigen Jäger immer monströser erscheint, bis er es niederstreckt und es sich als Jungtier entpuppt. Und sie alle erkundeten die Wildnis nebenan: A.T. Crichton zeichnete von 1906 an die Abenteuer eines Indianerjungen in „Little Growling Bird“. Klischeehaft bewaffnete und auf Skalps erpichte Rothäute bevölkern auch die surrealen Träume von Winsor McCays „Little Nemo“ (1906). Die Katzenjammer Kids des deutschstämmigen Zeichners Rudolph Dirks reisten 1909 in der Kutsche durch den Tunnel eines Mammutbaums in Kalifornien. Und selbstverständlich jagt Walt Disney’s Held Micky Mouse Gangster im Wilden Westen. Die von Floyd Gottfredson in den 1930er Jahren gezeichneten Abenteuer sind legendär.

Aber auch da, wo man es nicht erwartet, prägt der Westen den Comic von Anfang an. Die absurden Abenteuer der unglücklich in die Maus Ignatz verliebte verrückte Katze, Krazy Kat (ab 1913), verortet George Herriman in einer Landschaft, die erstaunlich detailgetreu den Wüsten und Felsschluchten von Arizona nachgebildet ist.

Andere Zeichner arbeiten geradezu dokumentarisch. James Swinnerton schildert in „Canyon Kiddies“ ab 1922 kindgerecht den Alltag von Hopi-Indianern. Hal Foster bringt 1947 seinen Helden Prince Valiant (Prinz Eisenherz), einen mittelalterlichen Ritter, nach Nordamerika – rund 500 Jahre vor den Wikingern. Der kanadische Zeichner nutzt für seine Erzählung zahlreiche Quellen, darunter volkskundliche Fotos für die Gesichter der Indianer.

In Europa ist der Westen vor allem ein exotischer, abenteuerträchtiger Schauplatz. Das erste Abenteuer von Tim und Struppi, das der belgische Zeichner Hergé (Georges Remi) nach eigenen Vorstellungen gestaltete, spielt „en Amérique“. Die franko-belgischen Magazine kauften zunächst US-Abenteuer-Serien ein wie „Red Ryder“. Aber sie lösten sich aus der Abhängigkeit. In der Schau ist eine Fülle von mehr und weniger bekannten Beispielen angeführt: Rob-Vel hat nicht nur „Spirou“ erfunden, sondern auch „Toto“, der 1939 in Mexiko gegen Banditen kämpft. Hinzu kommen die Klassiker. Morris erfand Lucky Luke schon vor seiner Amerika-Reise mit Jijé, im Jahr 1946. Die Abenteuer, die oft historisch verbürgte Personen oder Ereignisse verarbeiten, sind auch dem genialen Texter René Goscinny zu verdanken. Der schuf mit dem Zeichner Uderzo nicht nur Asterix (der im übrigen auch ein Abenteuer in Amerika erlebt, das in der Ausstellung fehlt), sondern auch „Oumpah-Pah“ um eine edle Rothaut. Dessen Abenteuer erreichten allerdings nicht annähernd die Popularität des gallischen Helden.

Die Schau bietet noch viel mehr: Die wilden Parodien auf Hollywood-Western im Satiremagazin „Mad“. Die schrägen Mischformen, die den Wilden Westen sogar in den Superheldencomic brachten, zum Beispiel zu Spider-Man. Die mitreißende Kunst des italienischen Zeichners Hugo Pratt. Und die überdrehte Western-Variante des Underground-Comics zum Beispiel mit Robert Crumbs sexuell aufgeladener Erzählung über das „jüdische Cowgirl“ Dale Steinberger.

In dieser Schau macht selbst der Kenner noch Entdeckungen – und Comic-Anfänger bekommen einen hoch unterhaltsamen Einstieg.

Bis 19.7., di – so 10 – 17, do bis 20, sa 12 – 17 Uhr,

Tel. 0231/ 50 25 522,

www.dortmund.de/mkk

Katalog 49 Euro

Quelle: wa.de

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