Dortmund zeigt „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“

Große Aufmerksamkeit genießt das 3-Liter-Auto von Paul Kleinschnittger, das von 1950 bis 1957 in Arnsberg gebaut wurde. Es zählt zu den Exponaten der Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, die in Dortmund eingerichtet wird. - Foto): Murauer-Ziebach

DORTMUND - „Es ist fünf Minuten geflogen“, sagt Brigitte Buberl, dann allerdings stürzte das Luftschiff aus dem Sauerland ab. 1896 passierte das Unglück auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Carl Berg, Industrieller aus Lüdenscheid und der Konstrukteur David Schwarz, hatten Geld und Ideen in die Aluminiumkonstruktion gesteckt, aber zu viel gewagt. Im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund wird ab 28. August diese Geschichte mit einem glitzernden Modell-Nachbau erzählt.

Bis dahin arbeiten Museumsdirektorin Brigitte Buberl und ihr 36-köpfiges Team an der Ausstellung „200 Jahre Westfalen. Jetzt!“, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der Westfälische Heimatbund gemeinsam veranstalten. Am Ende ist es doch eine Erfolgsgeschichte. Carl Berg, der aus Aluminium auch Knöpfe machte, half Graf Zeppelin mit der Gerüstkonstruktion aus dem leichten Metall weiter. So hoben die ersten Luftschiffe in Friedrichshafen ab. Ohnehin wird die Schau belegen, dass zahlreiche Firmen in Westfalen zu den Weltmarktführer ihrer Branche zählen.

In Dortmund wird nachgefragt: Was ist Westfalen, wer fühlt sich westfälisch, gehen Münsterland, Teutoburger Wald, Sauerland und östliches Ruhrgebiet wirklich zusammen? Die Grafiker Jan Wagner-van der Straten und Daniel Buchholz setzen das Konzept „Mach dir dein eigenes Bild“ um. Sie kommen aus Bochum, arbeiten in Dortmund und haben in Münster studiert. Die Westfalen der Uni-Stadt fühlen sich als etwas Besonderes, meint Jan Wagner-van der Straten: „Hier fühlt man sich als Ruhrpottler.“ Allerdings bleibe die Zugehörigkeit zu den Städten wichtig, die Metropole Ruhr ziehe noch nicht so, sagt der Grafiker. Das Büro „Neu“ wirbt mit zeitgemäßen Farben für Identitätsfragen zu Westfalen und stützt eine Kampagne, die junge Menschen aus der Social-Media-Welt ins Museum holen will. Helfen sollen Selfies, die vor einer sieben Meter hohen Kulisse der „Porta Westfalica“ mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal geknipst werden können. Die Ausstellung ragt mit dieser Attraktion bis auf den Königswall in die Stadt hinein. Und wer mitmacht – auch ohne „Porta Westfalica“ – landet im Museum oder kann sein Konterfei auf einem Katalog zur Schau verewigen. Das ist nicht selbstverständlich, aber korrespondiert mit einer gestalterischen Auffassung, die Ovis Wende vertritt. Der Professor für Kunst im öffentlichen Raum (Dortmund) hat mit Lukas Kretschmer die Exponate der Schau in Transportkisten und auf Stahlregale verfrachtet. „Die Wände bleiben leer“, sagt der Szenograph, der sich vehement für das sinnliche Vergnügen im Museum einsetzt. Anfassen, mitmachen, erfahren ist ihm wichtiger als Monitore, Bildschirme und Projektionsflächen. „Es gibt keine Medienstation“, sagt Wende, der den Trend der Ausstellungsarchitektur kritisiert. Ihm sind zuviele Firmen in den Museen tätig, die auch Messestände und Events organisieren.

Die ethnografische Schau über Westfalen bietet eigenständige Räume an, wie die Amtsstuben, in denen die Freiherren Karl vom Stein und Ludwig von Vincke die 1815 neu gegründete Provinz organisierten. Außerdem können in Dortmund die gute Stube eines Bergmanns sowie eine Kneipe mit Bier, Zigarren und westfälischer Küche besucht werden. „Westfalen“ soll authentisch sein, ohne muffig zu wirken. Für greifbare Erlebnisse steht das „performative Museum“, wie Ovis Wende es nennt.

Und es gibt 900 Exponate zu sehen. Registrarin Elke Torspecken hält sie im Depot des Hauses bereit. 136 Leihgeber sind beteiligt. Die großen Objekte befinden sich schon in den Schauräumen, wie „Bruno“. Der Wisent-Kopf erinnert an die mächtigen Tiere, die heute wieder am Schloss Bad Berleburg gezogen und ausgewildert werden. Auch ein Cabrio aus den 50er Jahren zählt zu den Hinguckern. Paul Kleinschnittger baute das Auto in Arnsberg. Der Innenraumkomfort erinnert an eine Seifenkiste. Im Zuge des Wirtschaftswunder blieb das günstige 3-Liter-Auto eine Notlösung. Ihm fehlte auch ein Rückwärtsgang. Es ließ sich einfach umheben. 3000 Stück wurden verkauft.

„200 Jahre Westfalen. Jetzt!“ will den Weg der preußischen Provinz in die Gegenwart als Modernisierungsprozess vermitteln. Während Landwirtschaft und Pflanzenwelt in einem Treibhaus veranschaulicht werden, ist die Industrialisierung der Bauernschaften ebenfalls Thema. Besamungsapparate aus der Pferdezucht, Melkmaschinen und das „Maisgebiss“ – Fräskopf für die Ernte – des Landmaschinenherstellers Claas demonstrieren Innovation.

Der Zeitfaktor soll vor allem im sogenannten „Territorium“ Platz finden. Es ist ein Ausstellungsteil, der zweimal umgebaut wird, also drei verschieden Zeiten veranschaulicht. Wer alle Phasen sehen will, kann ein Spezialticket erwerben. „Es kostet weniger als eine Kinokarte“, sagt Direktorin Brigitte Buberl. Dann erinnert „Aufbruch einer Region“ an den Forschritt der Köln-Mindener-Eisenbah und daran, wie Graf Gisbert von Romberg die erste Dampfmaschine nach Bochum holte. Die Stahlfirmen Harkort, Hoesch und Klönne entwickelten sich. „Industrie und Mobilität“ (Teil zwei) zielt auf die Wasserkraft, die Manufakturen antrieb, Schiffe über den Dortmund-Ems-Kanal bewegte und Talsperren, wie die an der Möhne speiste. Teil drei fasst „Was uns bewegt“ zusammen. Es geht um Heimat, um Gegensätze und Toleranz. Was entwickelte sich neben Katholizismus und Pietismus in Ostwestfalen, was brachten die Vertriebenen mit, was die „Gastarbeiter“? Dass es fehlende Sozialisation und Zwangsarbeit gab, wird nicht verschwiegen. Vielleicht profitieren von dieser Bewusstwerdung auch die Flüchtlinge unserer Tage.

www.200JahreWestfalen.jetzt

Quelle: wa.de

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