Der Dortmund-„Tatort“ ist ein Psychothriller im Krankenhaus: „Inferno“

Die Kommissare stellen einen Mord nach: Szene aus dem „Tatort“ mit Anna Schudt als Martina Bönisch und Jörg Hartmann als Peter Faber. Foto: Kost/WDR

Der Mann im weißen Kittel fragt besorgt: „Herr Faber, träumen Sie in letzter Zeit schlecht?“ Und der Kommissar im schmuddeligen Parka wiegelt ab: „Ja klar, immer. Das gehört zu meinem Beruf.“ Aber der Arzt geht darauf nicht ein: „Damit sollten Sie sich nicht abfinden.“

Begeistert ist der Dortmunder Kommissar nicht von der ungebetenen Diagnose. Erst schimpft er über das „arrogante Arschloch“, das die Notaufnahme in der Ruhr-Emscher-Klinik leitet. Später gibt er zu, dass ihm der Mann unheimlich ist, weil er ihn offenbar durchschaut. Und die schlechten Träume in der Episode „Inferno“ des Dortmund-„Tatorts“ kommen nicht vom aktuellen Mordfall, sondern aus der tragischen Biografie des Ermittlers. Peter Faber (Jörg Hartmann) begegnet in ihnen seiner Frau und seiner Tochter, die ermordet wurden. Viel Schlaf bekommt er gerade nicht, gesteht er seiner Kollegin Bönisch (Anja Schudt). Er irrlichtert nun also durch eine angemessen gespenstische Szenerie. Lange Gänge, oft menschenleer, in denen er scheinbar ziellos Türen öffnet, Leute fragt, in fremden Sachen stöbert.

Der „Tatort“ aus Dortmund polarisiert. Die letzte Folge „Zorn“ beschwor mit Bildern wütender entlassener Bergleute so viel postindustrielle Tristesse, dass der Oberbürgermeister der Stadt, Ulrich Sierau, in einem Wutbrief an den WDR sogar das Aus forderte. Lieber kein „Tatort“ aus Dortmund als so einer.

„Inferno“, geschrieben von Markus Busch und inszeniert von Richard Huber, spielt nicht in der Zechensiedlung, sondern im Krankenhaus. Die Ärztin Gisela Mohnheim wurde erstickt aufgefunden, in Unterwäsche, mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Der Raum, in dem sie lag, war abgeschlossen – von außen. Und spätestens nach der Untersuchung in der Pathologie ist klar: Es war kein Selbstmord, auch kein Unfall bei einem schrägen Sexspiel, sondern Mord. Die Kommissare gehen an die übliche Ermittlungsarbeit, suchen Motive, Verdächtige. Dabei ist nicht nur Faber neben der Spur. Der neue Kollege Pawlak (Rick Okon), der Zeugen mal härter vernimmt und dem etwas Hochmut durchaus nicht fremd ist, greift immer mal wieder zum Telefon. Da deuten sich familiäre Probleme an, die wohl in kommenden Folgen beleuchtet werden. Und die junge Kommissarin Dalay (Aylin Tezel) bekommt ihre Panikschübe nicht in den Griff.

Diesmal zeigt der WDR keine maroden Zechensiedlungshäuser, sondern schicke Neubauten. Ob das allerdings den Oberbürgermeister zufrieden stellt, ist fraglich. Dort flippt der Ehemann der Ermordeten aus. Auch frische Fassaden garantieren nicht schöne Bilder, wenn von so viel beschädigten Menschen erzählt wird. Die tote Ärztin war dem Betrieb in der Notaufnahme offenbar nicht gewachsen. Zudem hatte sie einen Geliebten, ein Motiv für den aufbrausenden Ehemann? Die meiste Zeit spielt der Film ohnehin in der Klinik. Das Team drehte neun Tage lang im Klinikum Dortmund, in einem eigens geräumten Stockwerk, aber bei laufendem Betrieb. Am Anfang sieht das fast aus wie eine Reportage, mit Szenen voll textloser Betriebsamkeit. In Momentaufnahmen mit Unfallopfern, einer orientierungslosen Dame, einem Obdachlosen mit Alkoholproblem wird der enorme Druck sichtbar, unter dem dieser Betrieb leidet. Solche Zwänge führen zu extremen Reaktionen, vielleicht sogar zu Gewalttaten. Der „Tatort“ zeigt das, ohne zum Erklärstück zu werden.

Im Kern ist „Inferno“ ein Psychothriller, der stark über Atmosphäre funktioniert. Der verstörte Kommissar muss sich durch Räume und in Situationen bewegen, die auch nicht unbedingt Sicherheit geben.

Hartmann darf seine Figur wieder mehr als in früheren Fällen als Grenzgänger spielen. Im einen Moment reißt er souverän Witze und beherrscht souverän die Lage. Sogar das alte Profiler-Spiel mit Bönisch versucht er – und kommt dabei dem Tathergang erstaunlich nah. Dann wieder sieht man ihn aufgelöst, schluchzend, selbst ein Fall für eine Therapie.

Und am Ende ist zwar ein Mörder entlarvt. Wie es aber mit den Kommissaren weitergeht, ist unklar wie lange nicht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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