Dortmund stellt den Wandel der Esskultur aus: „Essen außer Haus“

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Festlich und gediegen: Innenansicht des Restaurants Unionbräu in Dortmund, um 1910. Zu sehen ist die Darstellung im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund.

DORTMUND „Jeder ging mit seiner Portion weiter bis zu einem zweiten Schalter, wo kleine unverkorkte Fläschchen Wein verteilt wurden. Viele lasen während des Essens ihre Zeitung“, schrieb Émile Zola in „Das Paradies der Damen“ 1884. Der französische Autor berichtet in seinem Roman über Menschen in einem Warenhaus, über einen Sonntag. Diese kurze Passage ist ein literarischer Einstieg in die Ausstellung „Essen außer Haus“, die im Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) ab Sonntag zu sehen ist. Neben dem Hoeschmuseum (bis 9. 7.) und dem Brauerei-Museum (ab Sonntag 11 Uhr) will die Station im MKK das Thema „Vom Henkelmann zum Drehstieß“ in allen Facetten zeigen. Insgesamt beschäftigen sich drei Dortmunder Museen damit.

Aus Frankreich kam im 19. Jahrhundert das Restaurant nach Deutschland. Gut betuchte Bürger ließen es sich im festlichen Ambiente à la Carte schmecken. Wie im Restaurant Unionsbräu in Dortmund. Die Ausstellung bietet auf Postkarten und Fotos immer wieder Darstellungen von gastronomischen Betrieben. Auch Impressionen vom Fotografen Erich Grisar zählen dazu, Aufnahmen vom Büdchen, Wienerwald, Ausflugslokalen, Picknick, Foodfestival, Stillleben auf der A40...

Die von Isolde Parussel konzipiert Schau will die veränderten Eßgewohnheiten der letzten 200 Jahre kurz antippen. Die Leiterin des Deutschen Kochbuchmuseums („Der Imbiss macht nicht die Masse aus“) greift dafür auf das Archiv des MKK zurück und zeigt einzelne Objekte. Zum Beispiel ist ein Serviettenring aus Kayserzinn mit Stoffserviette zu sehen. Um 1900 galt das Dekor Jugendstil als Sinnbild für ein neues Formbewusstsein. In einer anderen Vitrine ist eine Paellapfanne und ein Tonschälchen von 1970/80 platziert. Sie stammen aus der Taberna Andaluza (Dortmund), einer spanischen Gaststätte. Für das Thema Essen am Arbeitsplatz sind ein Bratenwender, ein Kantinentablett und ein Aluminiumtopf ausgestellt. Diese Objekte machen Appetit auf mehr anschauliche Alltagsgegenstände.

Im Studio des MKK zeigt das Deutsche Kochbuchmuseum aber erstmal Einzelstücke. Eine Sammlung zum 20. Jahrhundert solle noch angelegt werden, sagte Gisela Framke, stellvertretende Museumsdirektorin des MKK. Bisher habe das Kochbuchmuseum mit seinen 13 000 Titeln vor allem Ausstellungen zum 19. Jahrhundert und zum Bild der Frau aufgegriffen. Nach der Zeit im Westfalenpark (1988–2010) wartet das Institut auf Räume am neuen Volkhochschulstandort in der Stadt. Wer Dinge des Alltags mit Geschichte(n) besitzt, sollte sich beim Museum melden. Die Ausstellung will eine Plattform sein.

Dass „Essen außer Haus“ ein populäres Thema ist, belegt die Tatsache, dass heutzutage jeder viermal in der Woche nicht zuhause isst. Wann sitzen Familien noch komplett zu Tisch?

Ein Tablett mit McDonald’s Produkten in Kleinformat (aus Plastik und ein bisschen fies) erinnert daran, dass mittlerweile Essen sogar nach Haus gebracht oder gleich bestellt wird. Pizzataxi!

Das Ruhrgebiet war mit seinen Industriekonzernen ein Taktgeber für „Essen außer Haus“. Schichtarbeit, Arbeitspausen, Stechuhr-Kontrolle... nach Hause konnte der Hoesch- und Thyssenarbeiter nicht. Ihm blieb der Henkelmann.

Für Kulturgeschichte und Internationalisierung stehen auch zwei Eisbecher aus Silber in Dortmund. Für italienische Eisverkäufer kam nur das Model ohne Henkel in Frage, für deutsche Caféhausbesitzer nur mit Henkel. Bereits in den 1920er Jahren gab es italienische Eisdielen im Ruhrgebiet.

Und Gaumenfreunden sind eben zeitlose Entdeckungen. Selbst für Max von der Grün in seinem Roman „Irrlicht und Feuer“ (1963) – „ein wenig Streichwurst fand sich noch“, für seine Schichtbrote mit Margarine.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr; bis 1. Oktober; di, mi, fr, so 10 – 17 Uhr do 10 – 20 Uhr, sa 12 – 17 Uhr; Tel. 0231/502 5525

Quelle: wa.de

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