KJT Dortmund: Cornelia Funkes „Tintenherz“

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Elinor (Johanna Weißert) beeindruckt Mortimer (Andreas Ksienzyk) und Meggie (Sibylle Mumenthaler) in der Inszenierung „Tintenherz“. ▪

Von Anke Schwarze ▪ DORTMUND–„Gedruckte Worte verraten nur einen Teil der Welt, die sich in einem Buch abspielt“, verrät Mo seiner Tochter Meggie. Ein Satz aus Cornelia Funkes Roman „Tintenherz“, der in der Inszenierung am Dortmunder Kinder- und Jugendtheater zum Bild wird. Zentrum der Bühne ist ein überdimensionales Lattengestell, das wie aufgeklappte Buchseiten frontal zum Publikum steht. Eine Projektionsfläche für Fantasie, aus der die Figuren wie aus den Seiten steigen.

Die Inszenierung spart mit Requisiten, deutet mit brennenden Kohletonnen oder auf die Wand projizierten Buchstaben nur an und überlässt es der Vorstellungskraft, dazu Capricorns düsteres Dorf oder Elinors Bibliothek zu denken. Die Figuren erkennt der Zuschauer sofort, sie sind gekleidet, wie im Buch beschrieben. Die Rolle einer Erzählerin, der exotischen, dunkeläugigen Bianka Lammert, strafft die Geschichte. Aber immer wieder fällt die Erzählerin in die Rolle des Lesers. Sie beobachtet, schmunzelt, mischt sich ein und redet mit den Figuren – ohne eine Antwort zu erhalten. Am Ende verliert sie sich ganz in der Geschichte und übernimmt die Rolle von Meggies Mutter.

Antje Siebers inszenierte nach einer Bühnenfassung von Robert Koall und zieht Kinder wie Erwachsene in ihren Bann. Ohne Effekthascherei erzählt sie die Geschichte mit viel Tempo und Bewegung, mit Verfolgungsjagden, Raufereien und Feuerzauber. Die physische Grausamkeit von Capricorn deutet sich allerdings nur an, etwa in einem blutgetränkten, sprich rotgefärbten Tuch, das sich der Handlanger Basta an den Kopf hält. Zum Innehalten zwingen zurückgenommene Szenen, etwa wenn Vater Mo und Tochter Meggie sich an ihre verschwundene Ehefrau und Mutter erinnern.

Kinder folgen der spannenden Geschichte und den clownesken Szenen. Für Erwachsene und auch für Jugendliche sind andere Stellen komisch und spannend. Funkes Roman steckt voller Zwischentöne, die Kinder überlesen, die für Erwachsene aber voller Anspielungen stecken. Diese Qualität bewahrt die Dortmunder Inszenierung, in schnellen Wortgefechten, in der einsamen Tragik hinter der Bücherfanatikerin Elinor, in Seitenhieben auf Schriftsteller bei der komischen Figur des dickleibigen Fenoglio.

Auch schauspielerisch überzeugt die Aufführung. Glaubwürdig verkörpert Rainer Kleinespel die vielschichtigste Figur von Buch und Stück, den Gaukler Staubfinger. Er ist Verräter und Verbündeter. In sich verkrochen, bewegt er sich durch eine zu laute und zu schnelle Welt. Er lebt auf, wenn er seine Tricks vorführt. Oder wenn er sich in einen Wortgefecht mit Tante Elinor wiederfindet. In dieser Rolle stiehlt ihm Johanna Weißert die Schau. Vom Typ irgendwo angesiedelt zwischen schrulliger Exzentrikerin und schriller Cruella de Ville, keift und spottet sie sich durch ihre Szenen. Andreas Ksienzyk gibt als ihr Schwager Mortimer einen netten Vater ab, bleibt aber die Antwort schuldig, warum sein Vorlesen so bezwingend ist, das Figuren aus Büchern purzeln. Sibylle Mumenthaler spielt seine Tochter Meggie als den Teenager, der sie selbst ist, mit der richtigen Dosis von Trotz, Sturheit und Anhänglichkeit. Ihr gelingt ein beeindruckendes Finale, wenn sie mit einer Stimme, die sich zum Fanal aufschwingt, Capricorn und seine Schergen zurück ins Reich der Schatten bannt. Dominik Bender tritt in der Rolle des Capricorn nur über Video auf. Überlebensgroß wird er auf die Plankenwand projiziert, ein Kopf wie Nosferatu, mit dämonisch tiefliegenden Augen und boshaft verzerrter Mundöffnung, ein Bösewicht, wie er im Buche steht.

Das Stück

Hier steigen die Figuren aus dem Buch. Tintenherz am Kinder- und Jugendtheater Dortmund. Ab 10 Jahren.

1., 4.,8.,10., 11., 12., 13., 14., 15., 25., 26., 27., 29. Mai; 26., 28., 29. Juni; Tel. 0231/ 50 27 222; http://www.theaterdo.de/

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Quelle: wa.de

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