„Don Giovanni“ am Konzerthaus Dortmund

+
Teodor Currentzis dirigierte in Dortmund drei wunderbar ausgehörte, spannende Mozart-Opern.

DORTMUND - Das Wahrzeichen des Theaters ist die doppelte Maske: eine lachend, eine zum Weinen verzerrt. Sie zeigen die Urformen des Theaters: Tragödie und Komödie. Mozarts „Don Giovanni“ weicht dieser Einordnung aus. Das macht den Reiz und die Größe der Oper aus.

Es beginnt mit der Frage nach dem Ende: Fährt Giovanni kurz und umstandslos zur Hölle? Oder versichert sich im „Wiener Finale“ das Sextett der Überlebenden, dass das eigene Lebensmodell obsiegt hat?

Teodor Currentzis entschied sich für das „heitere“, moralische Ende, also für die Komödie. Die Oper klang unter ihm gestraffter, dichter und ausgereifter als die wilde „Così fan tutte“, mit der Currentzis und sein hervorragendes Ensemble MusicAeterna aus Perm ihren Besuch im Konzerthaus Dortmund eröffnet hatten. Die halbszenische Aufführung erhielt eine gewisse theatralische Umrahmung durch die Lichtregie. Currentzis gab seinen Einsatz aus einer geisterbleichen Lichtblase heraus.

Aber die Ouvertüre aus düsteren Fanfaren, die auf das Ende hinweisen, klang hier federnd, transparent. Das zweite Thema tänzelte verspielt. Es begann offensichtlich eine Komödie. Die Tempi waren durchweg frisch, sogar schnell, aber nicht verhetzt. Sogar die Friedhofs-Stimmung gruselte wohlig. Nur die Pauken bissen ins Gehör.

Und noch etwas gab der Aufführung unwiderstehlichen Reiz: Gefühle, so ausgestellt und verziert sie sein mochten, erhielten durch die empfindsamen Sänger-Schauspieler einen warmen Kern. Die Oper gewann so eine innere Moralität, eine tief menschliche Qualität.

Die Musik ließ dem Libretto Raum als gleichrangiger Partner. Den Musikern gebührt hohes Lob für ihre sensible Gestaltungsfähigkeit und ihre unverblümten Attacken. Die Rezitative, gespielt von Hammerklavier, Langhalslaute und Barockgitarre, gewannen an dramaturgischer Wirkung. Sie nahmen emotionalen Schwingungen auf und trugen sie fort.

Bis in kleinste Details waren die Figuren geformt. Ein schöner Einfall: Giovanni vergaß ständig Masettos Namen und machte immer, wenn er ihn benutzen muss, eine Kunstpause.

Die Registerarie war ein Spaß: das genusssüchtige Angeben des Dieners mit den Eroberungen des Herrn. Die „Champagnerarie“ Don Giovannis war ein Ausbruch der Vorfreude, den Gier eintrübte. Der Bariton André Schuén sollte in der Titelpartie endlich sein Debüt am Konzerthaus machen. Er sagte aber wieder gesundheitsbedingt ab. Dafür sang Dimitris Tiliakos männlich-samtig und elegant. Allerdings wurde er gelegentlich vom Orchester überschäumt.

Vito Priante bewältigte ein großes Programm: den Guglielmo in der „Così“, den Figaro, und diesen heiteren, klugen Leporello: spielfreudig, blitzsauber, mit glasklaren Parlandi, auch wenn Currentzis das Tempo wirklich anzog. Ähnliche Strahlkraft entwickelte, außer dem Komtur, Karina Gauvins Donna Elvira. Den ersten Akt gestaltete sie eigentlich zu hysterisch. Im zweiten aber fächerte ihre große Arie Elviras Schmerzen auf: ein leuchtendes Geständnis, eine dunkle Vorahnung.

Christina Ganschs atemlos-verführerische Zerlina sang im Duett mit Don Giovanni Verzierungen, die an Eindeutigkeit kaum zu überbieten waren. Guido Loconsolos naiver Masetto und Myrto Papatanasius Donna Anna, die Erregung in bebende Phrasen fasste, ergänzten das Ensemble.

Kenneth Tarver gab in der „Così“ angeschlagen den Ferrando, hatte sich aber weitgehend erholt und sang den Don Ottavio mit tiefer Anmut und tiefem Gefühl.

Currentzis’ „Don Giovanni“ wird demnächst eingespielt, die CD erscheint 2016.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare