Dokumentarfotografien von Chris Killip im Museum Folkwang in Essen: „arbeit/work“

Freizeit im Nordosten Englands: Chris Killip fotografierte „Bever, Skinningrove, Yorkshire, 1980“ ▪

ESSEN–Als sich Chris Killip für die Dokumentarfotografie entschied, ließ er Anfang der 70er Jahre den boomenden Werbemarkt in London hinter sich. Statt für Studiolicht und Farbfilm entschied er sich für Plattenkamera und Schwarz-Weiß. Killip hatte eine Ausstellung im MoMA in New York gesehen: Fotografien von August Sander, Walker Evans, Paul Strand und Bill Brandt. Ihre dokumentarischen Aufnahmen, die zwischen den großen Kriegen entstanden, hielten die Zeit fest und spiegelten sie in den Gesichtern der Menschen. Was Chris Killip aus dem Impuls gemacht hat, zeigt eine umfassende Ausstellung im Museum Folkwang in Essen: „Chris Killip – arbeit/work“.

Von Achim Lettmann

Es tut richtig gut, mal wieder die Arbeit eines engagierten Fotografen zu sehen, der Menschen in ihrer Umgebung erkennt. 126 Fotografien (1969–2005) werden ausgestellt, einige Briefmarken für die „Isle of Man“, wo Killip 1946 geboren wurde, und wenige Fotos mit Farbe.

Vor allem sind Serien in den Schauräumen der Fotografischen Sammlung zu sehen. Sie sind nicht chronologisch gereiht, aber je nach Umfang gewissen Räumen zugeordnet. Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung, ließ für diese Ausstellung extra Bilder abziehen, die sie mit dem britischen Künstler auswählte.

Chris Killip hatte nach seiner Rückkehr auf die Isle of Man vor allem Porträtfotografien gemacht. Sein Vater unterhielt einen Pub, wo der junge Chris die Insulaner kennen gelernt hatte. „Mrs. Radcliffe, The Lhen, Andreas, 1972“ besitzt ein Hotel, „Mr. Cubbon, Golden Meadow Mill, Castletown, 1970“ posierte nur widerwillig, weil er keine Zeit für das Foto hatte. Die Aufnahmen verstrahlen eine große Menschenliebe. Aber erst im Norden Englands fand Chris Killip die Motive, die seine experimentelle Dokumentarfotografie ausmachte. Er produzierte nicht die „sprechenden“ Bilder für die Illustrierten, nicht die dramatischen Reportagefotos für große Zeitungen. Er favorisierte Offenheit, keine Stigmatisierungen, so nah er ihnen auch war. In Yorkshire lernt er junge Männer kennen, die am Strand zum Gezeitenwechsel fischen. Sie flicken Netze, schlagen ihre Zeit tot oder nutzen die Pausen, wie „Bever, Skinningrove, Yorkshire, 1980“. In der Serie „Seacoal“ (1982-84) wird Kohle am Strand gesammelt. Ein schmutziges Geschäft für wenig Geld. Die Menschen wirken verloren („Helen and Her Hulahopp, Lynemouth, Northumberland, 1984“). Killip hat dort zwei Jahre gelebte. Noch heute besucht er Menschen, die er fotografierte.

1976 hatte Killip die Side Gallery in Newcastle gegründet. Bis 1984 kuratierte er Ausstellungen. Damals wurde die unabhängige Dokumentarfotografie in Großbritanien gefördert. Und Killips Fotografien wurden zunehmend politisch, weil die sozialen Gegensätze mit Margaret Thatchers Politik ab 1979 zunahmen. Dass seine Fotografien von den Werften der 70er Jahre eine sterbende Industrie begleiteten, wurde ihm erst in den 80er Jahren richtig bewusst. In „Swan Hunter Shipyard, Wallsend, Tyneside, 1976“ sind die Häuser der Arbeiter kleiner als die Schiffswände auf den Dockrampen. Die Gigantomanie der Industrie erinnert an die sterbende Ruhrgebietswirtschaft. Auch zum Niedergang der Stahl- und Kohlebranchen gibt es Aufnahmen, sowie Architektur, Alltagsszenen, Landschaften,

Die Beschäftigen bei Pirelli in Burton upon Trent umarmte Chris Killip 1989. Die würdevollen Bilder demonstrieren, dass sie zwischen ihren Maschinen allein und längst auf verlorenen Posten arbeiten. Sie müssen es durchstehen.

Seit 1991 ist Chris Killip Professor für Fotografie an der Harvard Universität in Cambridge (USA). Fotografiert hat er in seiner Wahlheimat noch nicht. Seine Fotografien sind in Bücher publiziert.

Die Schau

Soziale Dokumentarfotografie aus Nordengland, lebensnah, typisch und engagiert.

Chris Killip. arbeit/work im Museum Folkwang in Essen.

Bis 15. April; di-so 10 bis 18 Uhr, fr bis 22.30 Uhr; Katalog in der Edition Folkwang/Steidl 28 Euro. Tel. 0201 / 8845 000

http://www.museum-folkwang.de

Ute Eskildsen, Leiterin der Fotografischen Sammlung, wird bis September das Museum Folkwang führen, da Hartwig Fischer im Mai nach Dresden zu den Staatlichen Kunstsammlungen wechselt. Bis September sollen beide Positionen im Haus neu besetzt werden.

Quelle: wa.de

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