Dirk Lauckes „Angst und Abscheu in der BRD“ am Theater Oberhausen

+
Verschnaufpause für die Gonzo-Journalisten: Sergej Lubic (Zaunmüller, von links) und Richard Barenberg (Holz). Mohammad-Ali Behboudi (Bismarck) legt Hand an und Hartmut Stanke (Fußnote) horcht in Oberhausen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ OBERHAUSEN–Wo ist das Herz der Deutschen? Die temporeiche Inszenierung im Malersaal des Oberhausener Theaters stockt für einen Moment. Wo nur? Journalist Zaunmüller soll die Brust freimachen, so ließe sich nach einem Herzen schauen.

Und in der zupackenden Regiearbeit von Dirk Laucke wäre ein blutiger Eingriff nicht verwunderlich. Aber Sergej Lubic, der den Journalisten im Trenchcoat statusbewusst gibt, wendet sich ab und wird kurz darauf von Darmkrämpfen heimgesucht. Was sich dann bläht, pupst und hörbar wird, ist das Gegenteil einer Herzenssache. Schade, aber mehr haben Dramatiker Dirk Laucke und Filmkünstler Matthias Platz wohl nicht gefunden – so das drastische Scheiß-Bild –, als sie in Deutschland auf Reisen waren und nach Volk und Vaterland fragten. Ihr Ton-, Bild- und Textmaterial dokumentiert Antisemitismus, Geschichtsverdrehung, Rechtsnationalismus, Politikfrust, linken Fanatismus und Orientierungsnot. Wohin damit?

Dirk Laucke bringt die Recherche ins Theater. „Angst und Abscheu in der BRD“ heißt seine aktuellste Arbeit, die in Oberhausen uraufgeführt wurde. Längst ist der Bühnenrealismus des 29-Jährigen („alter ford escort dunkelblau“, „Alles Opfer! Oder grenzenlose Heiterkeit“) mit Preisen dekoriert. Diesmal inszeniert Laucke eine Reihe druckvoller Szenen mit fünf Schauspielern.

Mit Zeitungen, Büchern, Bierkasten, Fernseher, Schreibmaschine, skurrilem Hirschgeweih und vollen Pappkartons wird ein antiquiertes Tonstudio imitiert. Simone Wildt (Ausstattung) symbolisiert die gute Absicht jener Zeit mit den Dingen: Als Radiosendung aufgeführt, erinnert „Angst und Abscheu in der BRD“ an aufklärerische Sendeformate der 70er Jahre, die bewegen wollten.

So hoffnungsvoll und treuherzig sind Laucke und Platz aber heute nicht mehr. Für sie ist es schon lange 5 vor 12, was die politische Kultur in Deutschland betrifft. Während sich einige über prügelnde Fußballfans empören, demonstriert ihre Polit-Punk-Performance, wie tief faschistoide Prinzipien die Gesellschaft durchsetzt haben. In Dresden gedenken Christen und Neonazis der Bombennächte von 1945. „Ich freue mich auf die Menschenkette“, jauchzt eine Bürgerin (Anja Schweitzer). Gonzo-Journalist Jürgen Holz (Richard Barenberg) ist genervt, weil die Veranstaltung eine Plattform für Faschos ist, die vom „Bombenholocaut“ sprechen. Zaunmüller plädiert für neutrale Recherche. Später streiten sich beide, welche Motive für ihre Arbeit gelten: Geld oder Moral („Das Mikro ist eine Waffe“)? Beide duellieren sich wie japanische Kämpfer, um gleich darauf ihre Show zu beenden und ein Bier zu trinken. Egal.

Die Produktion mit dem Theater Oberhausen und dem Ringlokschuppen Mülheim komprimiert eine Themenvielfalt mit Bruno Ganz als Hitler, Adornos philosophische Erkenntnisse, Stuttgart 21 und den Bestseller „Empört Euch“. Das wirkt erhellend, wenn Mohammad-Ali Behboudi als Redakteur analysiert; das macht neugierig, wenn Hartmut Stanke als „Fußnote“ die menschenverachtenden Details aufspießt. Und große Sprechkunst ist zu erleben, wenn Anja Schweitzer die Sinnsuche einer Frau als Werteverlust offenlegt. In dem temporeichen Monolog wird vor allem ein Beziehungswirrwarr stigmatisiert.

Manchmal geht es in Oberhausen auch zu ruppig zu, zu unverständlich. Aber Laucke/Platz wollen zeigen, wie groß die Desorientierung in unserer Gesellschaft ist. Wo ist ein Ausweg, wer hilft uns? Sie wissen es nicht. Aber sie bieten ein Theater, das Defizite unserer Zeit erkennt, zur Sprache bringt und uns erinnert: mehr politisches Theater zu wagen.

Das Stück

Was stimmt in unserer politischen Kultur nicht? Das Theater deckt auf, summiert und warnt uns vor noch mehr Ignoranz.

Angst und Abscheu in der BRD im Theater Oberhausen.

10., 22., 30. November, 7. Dezember; Tel. 02 08 / 85 78 184

http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare