Dirk Laucke in Bochum: alter ford escort dunkelblau

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Drei in einem Auto: Boxer (Raiko Küster, von links), Paul (Krunoslav Šebrek) und Schorse (Henrik Schubert) auf Traumfahrt: „alter ford escort dunkelblau“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Am Ende ihrer Träume ist die Braut angekommen. Sie thront auf einem Pyramiden hohen Tüllkleid. „Ich geh‘ mit dir, wohin du willst“, sagt sie und wiederholt Nenas Liedzeile („Leuchtturm“) in den Kammerspielen Bochum.

Aus dem ernst gemeinten Angebot ist alles heraus, was die Absicht auf Zweisamkeit ermutigte. Aus und vorbei, nur ein Alptraum bleibt von der Liebe, den die Regisseurin Heike M. Götze noch in Bewegung setzen wird. Bevor das Stück „alter ford escort dunkelblau“ richtig startet, läuft die Braut durch die Ödnis einer Industriebrache, die nur von zwei Hochspannungsmasten beherrscht wird. Im Videobild von Bibi Abel verschmilzt eine Tristesse, die im Stück von Dirk Laucke thematisiert ist. Was richtet die Abwicklung von Industriestandorten mit Menschen an?

2006 hat Dirk Laucke den Kleist-Förderpreis erhalten. Das Stück „alter ford escort dunkelblau“ war zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Der Dramatiker, 1982 in Schkeuditz geboren und in Halle aufgewachsen, wurde gefeiert.

In Bochum rückt Regisseurin Götze Symbol- und Videobilder schrittweise in die zweite Reihe. Ihre Antihelden lösen sich aus den visuellen Kunstformen und kippen samt Sitzreihe in ihre Geschichte zurück: Paul, Schorse und Boxer. Sie arbeiten in einem Getränkegroßhandel im Osten. Halle oder Leipzig, es könnte aber auch Essen oder Recklinghausen, Köln oder Leverkusen sein. Sie stecken mit den Füßen in Bierkästen, jämmerlich, verklemmt, komisch. Paul ist zu fett. Boxer lebt von seinem Imponiergehabe, und Schorse hat mal die Hand von Angus Young berührt. Die Rocker von AC/DC sind seine Stütze. Als die drei die haushohe Wand aus Bierkästen eindrücken, stürzen sie sich in Arbeit. Plastikträger fliegen, Schweiß fließt, Gewalt ist spürbar – Maloche und Lärm überdecken Versagensängste.

Das Stück transportiert das Unvermögen der drei wie in den modernen Klassikern des Films. Dirk Laucke hat sozialrealistisches Kino von Ken Loach gesehen und die Lebensleere in Filmen von Jim Jarmusch („Stranger than Paradise“) verinnerlicht. Es geht um Nuancen zwischen den Verlierern, um Sozialhierarchie ganz unten. Schorse, der Autobesitzer, zieht Boxer, der nur selten fahren darf, wie eine Führerfigur an. Paul sitzt immer hinten. Sie lassen das Getränkelager hinter sich und fahren mit dem kleinen Phillip los.

Schorse wird von Henrik Schubert zwischen Extremen gehalten. Hier die Liebe zum eigenen Sohn, dort die Unfähigkeit, mit der Mutter eine Beziehung zu führen. Henrik Schubert lässt den Beziehungskrüppel schnauzen, wenn er vom eigenen Versagen ablenken will. Er flüchtet sich in Freiheitsstereotypen, wie Route 66, Amerika oder ins Legoland, wo Sohn Phillip glücklich sein soll. Dann strahlt Papa wie ein Honigkuchenpferd. Aber Phillip darf Schorse nicht mehr sehen, weil er ihn mit AC/DC-Musik beschallt hat. Als er Katrin besucht, findet der Charaktertest beim Kaffeetrinken statt. Bettina Engelhardt ist die Enttäuschte, die sich um ihre Träume betrogen fühlt. Bissig, verlogen, frech markiert sie letztlich nur die eigenen Verwundungen. Sie umarmt Boxer und braucht Schorse. Das Leben wird in der Inszenierung zu einem erschöpfenden Zyklus aus Wut und Reaktion sowie aus Stille und Isolation. Dieser Bühnenrealismus fährt einem in die Knochen.

Boxers Mutter ist vom Balkon gesprungen, als er 14 Jahre alt war. Raiko Küster gibt ihn als cholerischen Versager, der sich im Faustkampf brüstet und trotz netter Pose in der eigenen Beschränktheit stecken bleibt. Auf Paul prügelt er ein, den Krunoslav Šebrek zum Mitläufer mit Nehmerqualitäten aufbläht. Ihm fällt der tragisch-komische Teil in Bochum zu, wenn er durch ein Bodenloch entsorgt wird, und später wieder an der Autobahn steht: „Nehmt mich mit, bitte“ – im alten Ford Escort.

Regisseurin Götze blendet alle Sozialromantik aus. Kein dunkelblaues Auto ist zu sehen, keine Rockmusik zu hören. Grau, schrundig und manchmal nass fühlt sich die Bühne an, die Dirk Thiele aus Platten- und Steinresten vom Autobahn-Randstreifen zum Friedhof falscher Träume macht. In Bochum ist eine packende Sozialdramatik gelungen. Schauspiel wird zur körperlich spürbaren Achterbahnfahrt. Ein Ford Escort läuft ruhiger.

Das Stück

Packender Realismus; ein Sozialdrama, das Randfiguren unserer Gesellschaft versteht. alter ford escort dunkelblau am Schauspiel Bochum. 1., 21., 29.4., 4., 20., 29.5.; Tel. 0234 / 3333 5555, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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