Diedrich Diederichsens „Über Pop-Musik“

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Diedrich Diederichsen

Von Jörn Funke - Es muss an Johnny Winter gelegen haben. Ein bizarrer Blues-Rocker, dessen Auftritte in den 70er Jahren Eindruck hinterließen. Beispielsweise im Februar 1971, als der jugendliche Diedrich Diederichsen in Hamburg sein erstes Popkonzert besuchte.

Ein Aufnahmeritual in die Welt der Popmusik, das Diederichsen auch 43 Jahre später noch vor Augen hat: der spindeldürre Gitarrist, ein Albino mit langen weißen Haaren und roten Augen, wie ein Pferd auf der Bühne umherspringend und Schreie ausstoßend. Pop ließ Diederichsen danach nicht mehr los, er wurde Musikjournalist und Hochschullehrer, gilt heute als Deutschlands Großmeister der intellektuellen Beschäftigung mit Pop. Sein gesammeltes Wissen hat er jetzt in ein 468-Seiten-Epos gefasst: „Über Pop-Musik“.

Nach seinem Erweckungserlebnis mit dem heute weitgehend vergessenen Johnny Winter war Diederichsen dann noch bei Kraftwerk. Die Düsseldorfer Tonpioniere, damals auf ihrer ersten Tournee, ließen ihn aber ziemlich kalt. Das gilt generell für die meisten großen Namen der Popmusik, die der 57-Jährige in „Über Pop-Musik“ mit Missachtung straft. Es gibt die Beatles und Bob Dylan, und daneben eigentlich nichts. Kanye West ist der einzige bekannte Name aus dem aktuellen Pop-Geschäft, der fällt. Vom japanischen Kollektiv „Satanicporncultshop“ dürfte außer Diederichsen selbst bisher kaum jemand etwas gehört haben.

Aber um Musik, das macht der Autor schnell klar, soll es in seinem Buch gar nicht zwingend gehen. Nichts läge ihm ferner, als eine simple Geschichte der Pop-Musik zu schreiben. Diederichsen baut am großen Gedankengebäude, versucht sich an der umfassenden Theorie. Entstanden ist das Werk schließlich im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über „Sound in Media Cultures“. Pop-Musik sei ein „eigener Gegenstand“, schreibt Diederichsen. Sie sei ein seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachtender Zusammenhang von Musik, Texten, Bildern und Aufführungen. Und: Zentrale Einheit sei die Pose, es gehe um die Musik, bei der man wissen wolle, wie der Sänger aussieht.

Der Autor arbeitet sich emsig durch die großen Theorien des 20. Jahrhunderts, bemüht Kritische Theorie, Systemtheorie und Dekonstruktivimus, zitiert Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Jaques Derrida, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Niklas Luhmann. Beim Anhören von Musikaufnahmen erkenne der einzelne Mensch sich wieder, hatte Adorno einst festgestellt. Das eigene Hören wiederzuhören, das sei Pop-Musik, schreibt Diederich nun. Das Ganze hat also viel mit den eigenen Erfahrungen als Musikkonsument zu tun, lässt sich so schließen – eine eher banale Erkenntnis.

Dass Diederichsens Pop-Projekt ziemlich aufgeblasen wirkt, liegt nicht zuletzt an dem bedeutungsschweren Soziologendeutsch, in dem er sein Werk verfasst hat. Der Autor ist zwar für seinen schwer verdaulichen Schreibstil bekannt, hatte mit einem kleinen, klugen Band über die Mafiaserie „The Sopranos“ 2012 aber gezeigt, dass er durchaus unterhaltsam schreiben kann. Mit „Über Pop-Musik“ kehrt er zum berüchtigten Begriffspathos zurück. Schade.

Diedrich Diederichsen: Über Pop-Musik. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 468 S., 39,90 Euro

Quelle: wa.de

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