„Die39 Stufen“ nach Hitchcock in Dortmund und Münster

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Die Post geht ab am Schauspiel Dortmund: Szene aus „Die 39 Stufen“ mit Andreas Beck, Uwe Rohbeck, Uta Holst-Ziegeler und Axel Holst (von links). ▪

Von Edda Breski ▪ MÜNSTER/DORTMUND–Im Prinzip will Richard Hannay eine Frau. Eigentlich. Ob die brave Bäuerin Margaret, die zimperliche Pam oder die kühle Spionin Annabella. Darauf läuft es hinaus in den „39 Stufen“.

Das Stück von Patrick Barlow nach dem Hitchcock-Klassiker ist zweimal in der Region zu sehen: im Kleinen Haus in Münster und am Schauspiel Dortmund. Die literarische Vorlage stammt von John Buchan, Alfred Hitchcock hat den Stoff 1935 filmisch verewigt, mit einer Rasanz, die sich gerade nicht aus Handlungslogik speist. Jede Bühnenbearbeitung, die als Theaterstück an eine zeitliche Linearität gebunden ist, ohne durch Schnitte und Raffungen trickreich mit Zeitebenen spielen zu können, muss da erst einmal mithalten. Die meisten Inszenierungen der Krimikomödie für vier Schauspieler legen ihren Fokus auf den zweiten Teil des Wortes, versuchen über spaßige Details und Slapstick Tempo in eine Handlung mit trickreich verschobener Logik zu bringen. Die „39 Stufen“ sind ein klassisches Boulevardstück, leichte Kost, die durch allzu leichte Inszenierung einen schalen Beigeschmack bekommt.

Bei Regisseur Kay Voges in Dortmund ist die Entscheidung deutlich ausgefallen: Seine „39 Stufen“, die er 2008 für Kassel inszenierte, ist eine Kriminal-Comedy. Da treten die Schauspieler aus ihren Rollen heraus. Da krächzen Raben, es zucken Blitze. Das Ganze spielt sich auf einer Bühne auf der Bühne ab: Ein Bogen und der klassisch rote Bühnenvorhang (Daniel Roskamp) führen den Zuschauerblick ins Varieté.

Der Dortmunder Hannay (Axel Holst) ist ein dicklicher, müder Typ, der zu gerne bei Frauen landen würde. Ein Spielball anderer bis zum Schluss. Es reicht nur dazu, der rätselhaften Annabella (Uta Holst-Ziegeler als femme fatale und als lispelnde Pam) den Aschenbecher zu reichen. Als sie schließlich über ihn fällt, geschieht das aus anderen Motiven, als er das gerne hätte: Sie windet sich statt vor Begierde in Todesqualen. Mit einem riesigen Fleischermesser im Rücken.

Voges würzt das Stück mit ziemlich vorhersehbaren Pointen – so fällt dem gelangweilten Hannay ein, er könne mal wieder ins Theater, wenn er etwas richtig Stumpfsinniges erleben wolle. In ebenfalls vorhersehbaren lokalen Einwürfen kommen Phoenixsee und BVB vor. Weiteren Witz zieht Voges aus optischen und akustischen Filmzitaten: Auf der Verfolgungsjagd singt Hannay, der mit Holmes-Pfeife herumläuft, das Indiana-Jones-Thema. Einen Polizeibeamten legt er mit Spocks vulkanischem Nervengriff um. Und im Motel sitzt Norman als stumme Matrixfigur im grünen Sessel. Nervig sind die leider comedy-üblichen homoerotischen Anspielungen: Andreas Beck und Uwe Rohbeck laufen ein paar Mal zu oft mit lüsternem Augenrollen umher. Insgesamt ist das Tempo hoch, für Lacher ist gesorgt: ein lustiger Abend zum Abschalten.

In Münster wird mit geringeren Mitteln ein ähnlicher Effekt erreicht, wenn auch weniger klamaukig. Regisseur Tobias Lenel mixt filmische Zitate mit Effekten der klassischen Komödie und Anspielungen an das Vorkriegs-England: Sein Richard Hannay (Ilja Harjes) ist ein Bertie-Wooster-Verschnitt, der indigniert in den Mörderplot um einen Spionagering hineinstolpert. Birgit Angele (Bühne und Kostüme) hat Vorhänge reihenweise aufgehängt. Wird einer weggezogen, enthüllt er, wo andernorts verschleiert wird. Eine schöne Metapher. Auch hier ist Sex eine Triebfeder: der von Hannay mit seiner jeweiligen Angebeteten. Gleich zu Beginn gibt der Vorhang den Blick auf ihn und Annabella in Aktion frei.

Als deus ex machina wird der Souffleur bemüht: Er reicht der an Hannay geketteten Pam (Julia Stefanie Möller) den Schlüssel zu den Handschellen und gibt den finalen Schuss auf den Schurken ab – nicht ohne hinterher wie Superman persönlich zu posieren. Tim Mackenbrock und Bernhard Glose schlüpfen von Rolle zu Rolle. Eindrücklich ist Mackenbrocks Auftritt als Mr. Memory, den er als gequälten Autisten spielt. Lokalkolorit bekommt das Stück durch die Darstellung des Bauern als schafsköpfiger westfälischer Sturkopf (Mackenbrock).

Wer einen schrägen, insgesamt konventionelleren Theaterabend sucht, ist in Münster gut bedient; wer Comedy mag und mit flachen Gags leben kann, ist in Dortmund richtig.

Im Doppelpack zu sehen. Etwas schriller und überdrehter im Revier, mit konventioneller Komik in Münster: Die 39 Stufen.

Dortmund: 5., 6.,13., 21.11., 4., 12., 17., 31. 12., Tel. 02 31 / 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Münster: 14., 27.11.,

Tel. 02 51/59 09 0,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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