„Die Schriften von Accra“: Ute Lemper mit Texten von Paulo Coelho

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Geheimnisvoll in Recklinghausen: Ute Lemper.

Von Anke Schwarze RECKLINGHAUSEN - Ute Lemper weiß sich zu inszenieren. Verhüllt von einem Schleier und einem weiten Gewand schreitet sie aus dem sphärischen Dunkel der Bühne bedächtig nach vorn. Ihre hochgewachsene, langgliedrige Gestalt zeichnet sich scharf vor dem Foto einer strahlenden Morgensonne ab. Sie wartet einen Moment, dann hebt sie an – zu erzählen. Singen wird sie erst später.

Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen erzählt und singt Ute Lemper von den ewigen Fragen der Menschheit. Die Texte stammen vom Bestsellerautor Paulo Coelho und basieren auf seinem Buch „Die Schriften von Acra“. Lemper begegnete dem Buch während einer Tournee in Australien. Sie war fasziniert, setzte sich mit dem brasilianischen Autor in Verbindung und produzierte „9 Geheimnisse“ der Schriften für die Ruhrfestspiele. Bei der Vertonung der Texte bediente sie sich beim Jazz und aus dem publikumswirksamen Pool der Weltmusik.

Ute Lemper intoniert englisch, französisch, spanisch, jiddisch. In ihrer markanten Art. Sie wetzt ihre Stimme übers Reibeisen. Sie springt unvermittelt aus den Tiefen ihrer Kehle in metallische Höhen. Sie moduliert samtweich und warm timbriert. Beim Improvisieren verwandelt sie ihre Stimme vollends in ein Instrument, knackt, schnalzt und maunzt – stets mit sicherem Gespür für Phrasierungen und Registerwechsel.

Ebenso versiert ist ihr Sinn für Dramatik, mit dem sie ein jiddisches Volkslied zu seinem applausheischendem Finale steigert. In ruhigeren Momenten, etwa bei einem französischen Chanson, interpretiert sie mehr aus dem gesprochenem Wort heraus. Wenn die große, schlanke Frau sich dazu wiegt oder zu schnellen Takten über die Bühne wirbelt, merkt man, wie ihr Körper ihre Stimme genießt. Längst hat sie sich zu diesem Zeitpunkt von ihrem arabisch anmutenden Gewand befreit und lässt ein mattgraues Abendkleid um ihre Beine fliegen.

Lempers Musiker wechseln geschmeidig zwischen den internationalen Rhythmen. Bass (Romain Lecuyer) und Percussion (Idriss Agnel) grooven und swingen zu spitzen Klavierakzenten (Vana Gierig). Das Saxophon (Philippe Botta) näselt und jammert den Blues, arabische Gitarren (Henri Agnel) zirpen zu poetischen Passagen. Und das Bandoneon (Victor Villena) feuert einen Tango Argentino an.

Als Erzählerin ist Ute Lemper weniger variabel. Ihr beständig geheimnisvolles Murmeln kann über die Banalität von Paulo Coelhos Texten nicht hinwegtäuschen. „Vergelte Hass nicht mit Hass, sondern mit Gerechtigkeit.“ – „Die Augen sind der Spiegel der Seele.“ Aus Lebensweisheiten wie diesen könnte allenfalls ein gewiefter Erzähler noch etwas machen. Ute Lemper fällt nicht in diese Kategorie, auch wenn man spürt, dass ihr diese Sätze wirklich etwas bedeuten. Für diejenigen, die Coelho mögen, macht es das wett. Für die anderen geraten die Sprechpassagen etwas zäh.

In diesen Momenten mag der Blick gerne in den Hintergrund schweifen, wo reisebürotaugliche Wohlfühl-Panoramen eingeblendet werden. Für die künstlerische Leitung der „cinematischen Einrichtung“ zeichnet Volker Schlöndorff verantwortlich. Zugegeben, die Fotos wirken so plastisch, dass sie manchmal die Grenze zwischen digitaler und realer Welt verwischen. Die Musiker scheinen zwischen zerbrochenen Säulen zu stehen oder verschmelzen mit den Mauern einer verlassenen Stadt. Etwas plakativ wird es trotzdem. Regelmäßig tauchen Sonnenauf- und Sonnenuntergänge antike Ruinenstädte in goldenes Licht, dahinziehende Wolken werfen ihr Schatten über andere antike Ruinen. Buchstabengetreu nach den Worten von Paulo Coelho: „Der Sonnenuntergang ist immer schöner, wenn er von unregelmäßigen Wolken durchzogen ist.“

Quelle: wa.de

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