„Die Möglichkeit einer Insel“ als Live-Animationsfilm am Theater Dortmund

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In der Werkstatt der Bildgötter: Bettina Lieder und Andreas Beck in „Die Möglichkeit einer Insel“ in Dortmund.

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Die Planeten gleiten auf der Leinwand auf das Publikum zu. Wer achtet auf den kleinen Kamerawagen, der auf Schienen an bunten Bällen vorüberrollt, ganz vorn auf der Bühne? Alles, was an diesem Abend im Dortmunder Schauspiel zu sehen ist, wird im Moment gemacht. Die Grenzen zwischen Film und Theater verwischen. Vier Schauspieler legen stoisch eine Plastikfolie nach der anderen auf den Leuchttisch. Kameras filmen, das Kollektiv Sputnic mischt die Bilder zur großen Projektion. So verwandelt sich der Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ von Michel Houellebecq in einen „Live-Animationsfilm“.

Das Werk des französischen Bestsellerautors und Chef-Zynikers gibt große Bilder her. Eine Vision des 41. Jahrhunderts. Die Erde ist eine postapokalyptische Wüste. Die Menschen sind zu Kannibalen verwildert, und zum Totschlag mit dem Knochen kreischen die Schauspieler Affenschreie. Nur in einzelnen Hochsicherheitshäusern leben „Neo-Menschen“, vereinzelte, genetisch optimierte Klone, die wie Mönche über die Leben ihrer Ausgangsmenschen meditieren. Eine Form der Unsterblichkeit: Nach dem Tod werden die persönlichen Daten in einen 18-jährigen Nachfolgekörper übertragen. Daniel24 sitzt mit seinem Hund Fox in der Villa, in der Daniel1 mit seiner Frau vor mehr als 2000 Jahren einige glückliche Momente erlebte. Der Nachfahre empfindet kein Mitleid, keine Sehnsucht, kein Glück mehr. Gefühle wurden den Neo-Menschen ausgetrieben. Was dazu führt, dass Daniels Nachfolger Daniel25 seine Klause verlässt und Lanzarote sucht, jene Insel, auf der es vielleicht andere Menschen, andere Gefühle gibt. Kein Sex ist auch keine Lösung.

Man kann nicht sagen, dass Houellebecq eine überkomplexe Lebensphilosophie entwickelt. Liebe besteht für ihn aus funktionierender Sexualität. Frauen sind für sein Sprachrohr, den erfolgreichen Stand-Up-Comedian Daniel1, vor allem Bettgefährtinnen. Der Animationsfilm, der die Welt in vergröberten Bildern reflektiert, erscheint für die einigermaßen schlichte Weltsicht als angemessenes Medium. Da kann man schön plakativ Bühnenauftritte von Daniel1 und Versammlungen der Elohim-Sekte zeigen, den minimalistischen Raum von Daniel24/25, Computernachrichten und eine Taxifahrt durch ein Rotlichviertel, vorbei an Pornobars und Sexshops. Wenn man Houellebecqs grobschlächtige Dystopie nicht als epische Welterklärung liest, sondern als Cartoon anschaut, bekommt man den Blick frei für Kritik am sinnentleerten Kapitalismus.

Was Nils Voges schrieb und inszeniert, setzen die vier Akteure mit vollem Körpereinsatz brillant um. Es sind Höchstleistungen an Multitasking zu bewundern. Andreas Beck raucht Kette, schlägt den Gong und spricht die von Lebensekel geprägten Erinnerungen von Daniel1. Bettina Lieder grimmassiert im einen Moment als Marie22 vor der Minikamera, richtet sich im nächsten die Haare unter die Mönchsmütze der Elohim, während sie die Verkündigungen des Propheten jauchzt. Merle Wasmuth bewegt Zeichenfiguren auf dem Leuchtpult und spricht den quäkigen Klon-Professor. Frank Genser dreht den Globus und gibt dem naiv-gleichmütigen Daniel24 eine Stimme.

Alle stehen in schwarzen Kutten mit rotem Leuchtstreifen an ihren Pulten, ein wenig wie die Musik-Operatoren von Kraftwerk. Sie fungieren als Elohim, jene mythischen Außerirdischen, die die Sekte als Schöpfer der Menschheit verehrt. Indem sie die Animation erzeugen, und zwar sichtbar für das Publikum, treten sie in die Rolle der Göttergleichen.

Außerdem handelt das Stück von der Unmöglichkeit von Perfektion. Das Publikum sieht Darsteller, die geradezu artistisch erzählen und Bilder erschaffen. Einerseits bestaunt man die mimische Kunst. Aber der Animationsfilm für sich ist doch roh und unbeholfen, zeigt allemal die Spuren der Live-Improvisation, der Plastikstreifen vor Hintergründen, der holprigen Bewegungen. Die Gleichzeitigkeit erst überträgt die Botschaft in eine Ästhetik. Mit allen Mängeln erzeugen die bewegten Bilder dieses Abends doch ein großes Vergnügen.

4., 16.4., 10., 20., 30.5., 5., 19.6., Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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