„Die Ehe der Maria Braun“ am Schauspiel Bochum

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Auf dem Weg nach oben: Szene aus „Die Ehe der Maria Braun“ mit Bettina Engelhardt. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Ein Faustschlag auf die Tischplatte klingt wie ein Granateneinschlag. Bumm! Ein Doppelschlag, schnelles Klöppeln mit zwei Fäusten macht MG-Feuer. In den Kammerspielen des Bochumer Schauspiels wird das Theater noch mit der Hand gemacht. Jan Neumann verzichtet für seine Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ fast ganz auf den derzeit geradezu obligatorischen Einsatz von Video und anderem Schnickschnack. Der Erfolgsfilm wird allein mit theatralischen Mitteln auf die Bühne gebracht.

Sieben Schauspieler verkörpern Dutzende Rollen. Auf offener Bühne verwandelt sich Max Landgrebe vom heimgekehrten Willi Klenze in den schwarzen GI Bill, mit dem Maria Braun eine Affäre hat. Bettina Engelhardt hilft dem Mann aus der einen und in die andere Jacke. Ganz hinten hängen Kleidungsstücke und Perücken. Vorn aber ist großes Durcheinander. Holzgerüste und Platten liegen durcheinander (Bühne: Daniel Angermayr). Ein Land liegt in Trümmern. Das Schauspielhaus zeigt uns das spielerisch. Und es ist zugleich eine Baustelle.

Fassbinders Film von 1979 verbindet eine Liebesgeschichte mit einer Chronik des Wiederaufbaus. Maria und Hermann Braun heiraten im Krieg. Nach einem halben Tag und einer Nacht werden sie getrennt. Er zieht an die Front, gerät in Gefangenschaft, ist verschollen. Sie muss sich zurechtfinden. Sie arbeitet als Barfrau, verliebt sich in den GI Bill, wird von ihm schwanger. Ausgerechnet da kehrt Hermann zurück. Die Männer prügeln sich, Maria schlägt Bill mit einer Flasche nieder. Hermann nimmt die Schuld auf sich, geht ins Gefängnis. Maria macht sich an den Fabrikanten Karl Oswald ran, arbeitet in seinem Betrieb, wird seine Geliebte, mit Wissen ihres Mannes. Sie macht Karriere, hat schließlich Prokura, baut ein Haus. Alles für die Zeit, wenn Hermann die Strafe abgesessen hat. Aber ein Happy End ist nicht vorgesehen.

Neumann inszeniert die Geschichte parallel zum Wiederaufbau auf der Bühne. Das Gerüst setzen die Schauspieler zu einem mehrstöckigen Turm zusammen. Am Ende stehen Hermann und Maria wie das Dekorationspaar auf einer monströsen Hochzeitstorte, die mit Automodellen, Monopoly-Häusern und Holzbildschirmen dekoriert ist. Das Wirtschaftswunder wird spielerisch verbildlicht. Am Ende putzen die unten für die, die's geschafft haben, und tragen griechischen und italienische Flaggen als Kopftücher – ein etwas plakatives Fazit.

Aber davor wurde Fassbinders Montagetechnik, die zum Beispiel Radiosendungen als Kommentar zur Handlung einsetzt, überaus stimmig auf die Bühne gebracht. Verknappung und Abstraktion erweisen sich als kongeniale Mittel. Raiko Küster spielt nicht nur den Hermann, den bei Fassbinder Klaus Löwitsch verkörperte, und Roland Bayer mimt neben Karl Oswald (im Film Ivan Desny) auch noch den Hausarzt und weitere Rollen. Sie lassen Bomben krachen, zwitschern wie Vögel, machen Ringring fürs Telefon und sprechen die endlosen Namensreihen der vermissten Landser aus dem Radio. Und sie zaubern dem Publikum die Nachkriegszeit vor Augen, in der man erst für ein paar Kartoffeln und ein Stück Speck die letzten Erinnerungsstücke hergibt und später wieder in Kartoffelsalat mit Mayonaise aus echten Eiern schwelgt. In Bochum ist das schnörkellos erzählt und famos gespielt, mit Katharina Linder, Maja Beckmann, Daniel Stork.

Bettina Engelhardt hat die Titelrolle, nicht leicht, mit Fassbinders Star Hanna Schygulla mitzuhalten. Aber sie meistert das, gerade weil sie nicht realistisch bleiben muss. Am Anfang lässt sie ihren Lebensmut noch so naiv aussehen, scheint über die seltsam gestückelte Bühne zu schweben. Aber dann deutet sie ein joviales Kompliment um: „Du hast dich gemacht.“ Immer wieder spricht Engelhardt das: „Ich habe mich gemacht.“ Das Mantra einer emanzipierten Frau. Später verrät Hermann sie an Karl Oswald, und sie beginnt, sich vom Reichtum korrumpieren zu lassen. Da schminkt sie sich das Gesicht weiß, mit dicken Clowns-Augen-Strichen. Und sie zeigt uns, wie das Glück verloren geht.

Die Ehe der Maria Braun in den Kammerspielen des Schauspiels Bochum.

30.9., 14., 27., 31.10.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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