„Die Lustigen Weiber von Windsor“ in Gelsenkirchen

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Happy End im Pilzwald: Szene aus den „Lustigen Weibern von Windsor“ in Gelsenkirchen mit Lars-Oliver Rühl und Diana Petrova. ▪

GELSENKIRCHEN ▪ Otto Nicolai kennen die meisten Musikfreunde nur durch ein einziges Werk. Der deutsche Komponist, der als Urvater der Wiener Philharmoniker gilt, schuf mit seiner sechsten und letzten Oper „Die Lustigen Weiber von Windsor“ ein überragendes Stück des deutschen Biedermeier. Wie vor ihm schon Antonio Salieri und Carl Ditters von Dittersdorf, ließ sich Otto Nicolai von Shakespeares gleichnamiger Komödie inspirieren. Von Anke Demirsoy

44 Jahre nach der Uraufführung durch Giuseppe Verdis „Falstaff“ überstrahlt, kämpfen Nicolais „Lustige Weiber“ heute gegen den Ruf des verstaubten biedermeierlichen Lachtheaters. In Gelsenkirchen unternehmen Regisseur David Hermann und Ausstatter Christof Hetzer jetzt den Versuch, das Singspiel vom Verdikt der Muffigkeit und Biederkeit zu befreien. Der junge deutsch-französische Regisseur, der bei der Ruhrtriennale mit Albert Ostermaiers „Sing für mich, Tod“ in Erscheinung trat und mit seiner Inszenierung von Mozarts „Ascanio in Alba“ bei den Salzburger Festspielen debütierte, streicht kurzerhand alle Dialoge und erfindet einen Psychiater hinzu. Dieser resümiert die Befindlichkeit der Hauptfiguren, als handelte es sich um medizinische Befunde. Dazu passt die Bühne von Christof Hetzer, die dezent die BRD der 1960er Jahre zitiert und dank weißer Sofagarnituren und gesichtsloser Furnierschränke eine beinahe klinische Kälte verströmt.

Die Regie horcht dem im Stück formulierten Moralkodex die Brust ab. Statt den „Weibern“ die Verteidigung ihrer Ehre zu glauben, findet sie in den vorgeblich braven Bürgersleuten manch unterdrückte Lust und manche Verstörung. Den graziösen und leichten Lustspielton kann sie nur dadurch beibehalten, dass sie die Figuren allmählich ins Sprung- und Wahnhafte kippen lässt. So wird das Finale im Märchenwald zu einem abgedrehten Stelldichein unter neonfarbenen Riesenpilzen. Es sieht aus, als seien die „Lustigen Weiber“ auf LSD. Wir hätten lieber weiter mit Frau Fluth und Frau Reich Sekt getrunken, denn nach der Spritzigkeit dieser Eröffnungsszene lädt die Psychiatercouch zuweilen zum Gähnen ein.

Sängerisch ist die Produktion ansprechend besetzt. Petra Schmidt (Frau Fluth), Anna Agathonos (Frau Reich) und Piotr Prochera (Herr Fluth) treiben das Geschehen mit quirligem Temperament voran. Tenoralen Glanz steuert Lars-Oliver Rühl als Fenton bei („Horch, die Lerche singt“). Alfia Kamalova gibt der Jungfer Anna Reich lyrische und zarte Bögen, Michael Tews dem Falstaff eine markige Tiefe, in der auch Derbheit mitschwingt. Schauspieler Uwe Schönbeck ist als dicker Psychiater in Strickjacke und Cordhose köstlich lebensfern und unbeholfen.

Unstet präsentiert sich die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Johannes Klumpp. Die Anfangstakte klingen regelrecht müde, und obgleich sich die Musiker allmählich zu mehr italienischer Leichtigkeit aufschwingen – ein spritzig kapriziöses Violinsolo lässt aufhorchen –, gibt es immer wieder schmerzliche Einbrüche: uninspirierte Mezzoforte-Passagen zum Beispiel und das wenig rein intonierte Schwirren der Mücken und Wespen. So deutlich Felix Mendelssohns „Sommernachtstraum“ hier Pate gestanden hat, so plötzlich endet der Spuk unter den grellfarbigen Giftpilzen. Die Handlung reißt ab, der romantische Traum ist ausgeträumt. Ein echtes Ende aber bleibt uns verwehrt.

Quelle: wa.de

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