„Die lustige Witwe“ an der Oper Dortmund: ein Silvesterknaller

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Von Verehrern umzingelt: Hanna Glawari (Christiane Kohl) mit Raoul de St. Brioche (Darius Scheliga, links) und Vicomte Cascada (Clark Hall, rechts) bei der Operettenpremiere „Die lustige Witwe“ in Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORMUND–Man soll das alles nicht so ernst nehmen: das Leben, die Liebe, das Heimatland. Als Symbol für diese Erkenntnis bläst auf der Dortmunder Bühne ein riesiger Engel einen rosa Luftballon aus seinem Mund wie eine Hubba-Bubba-Blase. Peng – sie platzt, und damit auch der Liebestraum der beiden Helden: vorerst zumindest. Am letzten Abend des Jahres hatte an der Dortmunder Oper die „Lustige Witwe” von Franz Léhar Premiere; ein großer Silvesterspaß, der mit einem Kracher endet.

Regisseur Matthias Davids nimmt konventionelle Elemente der Operetteninszenierung und verdichtet sie zu einer Folge fröhlicher Tableaus. Überall ist etwas los, überall gibt es etwas zu sehen. Das geht nur mit einem spielfreudigen Ensemble. Im Botschafterpalais herrscht reichlich abgewetzte Pracht. Das Faktotum Njegus (Fredrik Jan Hoffmann taucht mit skeptischer Miene überall dort auf, wo man ihn nicht vermutet) putzt Bilderrahmen, die verdächtig aussehen wie vergoldete, aber angenagte Kuchenpappe. Graf Danilo macht sein Entrée („Da geh' ich zu Maxim”) von der großen Treppe herab, ganz wie es zum Habitus des Lebemanns passt – leider fällt er dabei die Stufen herunter, weil er vorher im Maxim zu tief ins Champagnerglas geschaut hat. Er legt sich auf dem Billardtisch schlafen.

Die Ruhe währt aber nicht lange, denn in der „lustigen Witwe”, der von allen umflirteten Glawari, findet er seine Jugendliebe Hanna wieder, die er seinerzeit aus Standesüberlegungen nicht heiratete. Nun wird er vom Botschafter Zeta (würdevoll bis trottelig: Hannes Brock, der in diesem Jahr 20-Jähriges in Dortmund feiert) auf die Glawari angesetzt: Er soll sie aus vaterländischen Überlegungen heiraten, sonst gehen seinem Land Pontevedro ihre 800 Millionen verloren – und das bedeutet den Staatsbankrott.

Immer trubeliger wird das Treiben, die Ausstattung bunter. Man hat in Dortmund wenig Mühen gescheut für dieses Repertoire-Zugpferd: Operetten-Uniformen, immer neue farbenfrohe Kleider, „Nationaltrachten” und Cancan-Kleider (Kostüme: Judith Peter) vor falschem Marmor, Fototapeten und weiten Treppen. Die Bühnenbildnerin Marina Hellmann ist in dieser Woche plötzlich gestorben, die „Lustige Witwe” ist ihre letzte Arbeit.

Zwischen Alpenpanorama und gigantischen Engeln verwirren sich die Liebesangelegenheiten: Valencienne, die Botschafterfrau, wehrt sich halbherzig gegen die Avancen von Camille de Rosillon, der Hanna heiraten soll, was wiederum weder Hanna noch dem Grafen Danilo passt. Die uneingestandene Liebe zwischen den beiden verdeutlicht Davids, indem er jeweils zu dem Liebesthema, dem Walzer „Lippen schweigen”, ein Tänzerpaar auftauchen lässt. „Ja, das Studium der Weiber ist schwer” ist eine Zugnummer, die Sänger hüpfen selbst wie die Revuetänzer (Choreografie: Melissa King). Die Operette macht am meisten Spaß, wenn Sänger, Tänzer und der wie gewohnt gut geschulte, engagierte Dortmunder Opernchor (Einstudierung: Granville Walker) sich zu den trubeligen Massenszenen finden.

Das Ensemble wird überstrahlt von Christiane Kohl in der Titelrolle. Sie lässt im „Viljalied” ihre Stimme leuchten, sie überstrahlt die Gruppenszenen und gibt sich anschmiegsam in den Szenen mit Danilo. Das schnelle und freche Artikulieren ist nicht ihre Sache – ebensowenig wie die des restlichen Ensembles. Tamara Weimerich kann als Botschaftergattin Valencienne zwitschern und kokettieren, in der Liebesszene mit Camille schwankt sie zwischen Zagen und Nachgeben.

Gabriel Bermudez ist ein schöntimbrierter und spielfreudiger Danilo mit Hang zum Grimassieren. Er lässt sich als erkältet ansagen, schlägt sich dann aber gut, bis auf die Spitzentöne, bei denen er meist einen Halbton darunter liegt. Als Camille besticht John Zuckerman mit schönem Ton, aber wenig Volumen. Im Orchester haben vor allem die Streicher Spaß an den Kantilenen, an der zarten Begleitung der Liebeleien. Im Tutti kann der Ton etwas dick werden. Philipp Armbruster leitet die Dortmunder Philharmoniker.

Für das Finale hat sich Regisseur Davids einiges einfallen lassen: die Partyszene wird gleich ganz ins Maxim verlegt, die Grisetten schwingen die Beine und zum Schluss wird gar noch der Eiffelturm versenkt. Prosit Neujahr!

Die Operette

Ein stimmungsvolles Ensemble, amüsante Spieltableaus und jede Menge Party.

Die lustige Witwe an der Dortmunder Oper. 5., 22., 26. Januar, 3., 9., 18., 22. Februar, 11., 16. März, 15., 21. April

Tel. 0231 / 5027 222

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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