„Die fetten Jahre sind vorbei“ in Münster

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Kurzzeitige Einigkeit mit dem Entführten: Daniel Rothaug (von links), Manuel Herwig, Jochen Kuhl und Maike Jüttendonk in der Inszenierung „Die fetten Jahre sind vorbei“ an den Städtischen Bühnen Münster.

Von Achim Lettmann -  MÜNSTER Die Spots blenden auf, die Musiker lösen sich aus dem Halbdunkel, und ein Konzert beginnt mit ruppigen Akkorden. Es sind die „Edukators“, die sich an den Städtischen Bühnen Münster launig vorstellen: Jan, ein verschlossener Einzelgänger, unsicher mit Mädchen, ist Gitarrist. Peter aus Bocholt war Möbelpacker, spielt Schlagzeug, „es brennt in ihm“. Und Jule (Bass/Gesang) ist die bürgerliche Tochter, die in der Stadt etwas Aufregendes ersehnt.

Eigentlich ganz normal. Aber bei der Inszenierung des Films „Die fetten Jahre sind vorbei“ im Kleinen Haus kommt es anders. 2004 war diese coole Rebellenromanze von Katharina Held und Hans Weingartner ein internationaler Kinoerfolg mit Daniel Brühl, Stipe Erceg, Julia Jentsch und Burghardt Klaußner. In Münster wirkt die Revolte und Lebenssuche noch unruhiger und fiebriger als in der Filmversion. Regisseur Max Claessen zielt auf ein junges Publikum (ab 14 Jahre), das in der globalisierten Leistungsgesellschaft sinnliche Qualitäten und humane Verantwortung vermisst. Wie lässt sich die eigene Zukunft verbessern?

Mit der linken Utopie wird schnell abgerechnet, in dem ihre Ikonen wie zu Karneval veralbert werden. Bei Che Guevara dampft nur noch der Zigarrenstummel, Ulrike Meinhof zickt mit Sonnenbrille herum, und Karl Marx mault als grauhaariger Alpha-Opa. Fürs aktuelle Jahrtausend taugt auch Richie Havens Woodstock-Klassiker „Freedom“ nicht mehr. Frech, anarchisch und temporeich kommt das rüber. Regisseur Claessen setzt auf kurze, intensive Szenen mit Clip-Charakter. Seine Bildsprache ist hipp, wenn Jan und Jule Farbpigmente schmeißen und aus einer Renovierung ein indisches Holi-Fest machen. Neben dieser Alltagspoesie tönt es rau aus dem Mikro: „94 500 Euro“ hat Jule Schulden bei einem „Bonzen“, dem sie den Mercedes verunfallt hatte. Ohne eigene Versicherung. Ein Riesenjoint vernebelt alles auf der Bühne. Jule will „wild und frei leben“, aber wie das in Münster inszeniert ist, gilt diese Losung doch irgendwie für alle. Oder?

„Das Herz ist eine revolutionäre Zelle“ steht auf den Flugblättern, die aufs Publikum niedergehen. Regisseur Claessen rückt uns ganz nah an seine Helden, wenn Jan und Jule auf einer Klappleiter sitzen, die als Dachterrasse ausgegeben wird, oder ein Herzschlag durchs Theater dröhnt, als beide in eine Villa einsteigen. Eigentlich erschrecken Peter und Jan reiche Kapitalisten mit ihren Einbrüchen, verschieben Möbel und lassen Botschaften zurück: „Die fetten Jahre sind vorbei“. Geklaut wird nichts.

Diese Strategie wackelt, weil Jan in das Haus einsteigt, wo Jules Schuldenpeiniger wohnt. Sie will noch „was krasses machen“ und denkt an den Webergrill, der in den Pool soll. Das ist nett, weil die Inszenierung in Münster immer wieder aktuelle Bezüge sucht. Jan („I will be your hero, baby“) macht alles mit, weil sie verliebt sind, und Jules Freund Peter in Barcelona einen DJ-Job macht. Als er zurück ist, will er für Jan mal eine Freundin aufgabeln und findet im Publikum „Janina“, die brav nickt. Gelächter.

Solche Amüsements sind vorbei, als alle drei nochmal in die Villa müssen, da Jule ihr Smartphone vergessen hat. Der Hausherr taucht plötzlich auf und wird niedergeschlagen. Die Entführung beginnt.

Die Bühne von Ilka Meier ist ein Ort fürs mobile Szenenspiel. Plexiglas wird als Raumteiler verschoben. Auf dem Rasenstück unterm Baum liegt Manager Hardenberg gefesselt, die drei Darsteller rollen ihn nach vorne. Ihre Präsenz formt und beatmet das Spiel mal als intensives Duett, mal als fahrige Versuchsanordnung. Das fordert einen heraus, da der Erzählstoff nicht perfekt serviert wird, sondern das Augenblickliche der Lebenssuche zeigt. Es gelingt ein Wechselspiel voller Improvisationen.

Und das Ensemble funktioniert. Maike Jüttendonk gibt Jule viel Lebensgier, moralische Konsequenz und ein aufrichtiges Herz. Manuel Herwig (Jan) lässt sich als naiv gefühliger Idealist mitreißen, und Daniel Rothaug zeigt den überdrehten Macher, dem am Ende die Freiheitslosung doch wichtiger ist als Eifersüchteleien. Jochen Kuhl senkt mit sonorer Stimme den Erregungszustand und spielt Hardenberg als gewieften Kapitalisten. Nebenbei zeigt er, dass Selbsttäuschung der Anfang von Ignoranz und Verachtung sein kann. Wie aber alle zusammen das Partisanenlied „Bella Ciao“ singen ist ein süffisanter Höhepunkt dieser souveränen Schauspiel- und Regieleistung.

25., 26., 28. 3.; 17., 23. 4.; 10.5.; 1., 2., 3., 16., 17. 6.;

Tel. 0251/59 09 100;

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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