„Der Turm“ von Uwe Tellkamp überzeugt als Zweiteiler in der ARD

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Privater Freiraum: Meno (Götz Schubert, links) und Christian (Sebastian Urzendowsky) beim Picknick in „Der Turm“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ Ein Villenviertel passte nicht zur DDR. In Dresden heißt es Weißer Hirsch und war ein Refugium für Bildungsbürger, die sich mühten, den SED-Staat auf Distanz zu halten.

Dass dies in den 80er Jahren immer schwieriger wurde, thematisiert der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ (Deutscher Buchpreis 2008). Tellkamp wuchs auf dem „Hirschen“ auf. Sein Roman hat autobiografische Züge, ist detailverliebt und voller literarischer Exkurse. Aber wer nun glaubt, dass eine Verfilmung immer Qualitätsverlust bedeutet, sollte sich den gleichnamigen Zweiteiler in der ARD ansehen. Er ist teilnahmsvoll, spannend und vermittelt die innere Gestimmtheit einiger Menschen vor der Wende. Produziert von Nico Hoffmann.

Uwe Tellkamp nennt die Arbeit von Regisseur Christian Schwochow beeindruckend, und er macht das größte Kompliment, das ein Schriftsteller machen kann. Wenn „Der Turm“ auch künftig gelesen werde, so Tellkamp, dann habe es sein Buch „zu einem guten Teil diesem Film zu verdanken“. Oh lala.

Es ist ein Film, der endlich Profile schafft, wo andere nur Klischees bemühen. „Der Turm“ überwindet das „Prädikat“ Event-Film, weil er seine Dramatik nicht aus dem 9. November 1989 zieht, sondern aus dem moralischen Hindernislauf der Figuren, letztlich ihrer Lebenslügen. Da ist Christian, der mit Fleiß, Anpassung und Cellospiel einen Medizinstudienplatz erreichen will, wie einst sein Vater, der Chefchirurg Richard Hoffmann. Im TV-Film gibt Jan Josef Liefers diesem egomanischen Allmachtsarzt weiche Züge, um noch skrupelloser zu wirken, wenn er seine Geliebte (Nadja Uhl) und die gemeinsame Tochter verleugnet oder seinen Sohn anpfeift. Sebastian Urzendowsky spielt ihn, mal wach und sensibel, mal verzweifelt und folgsam. Urzendowsky lässt vor allem mit seiner Mimik erahnen, wie inhuman der Schüleralltag war, wie unwohl er sich in der Familie fühlte, trotz Weihnachtsfest und Hausmusik. Beides bringt der junge Schauspieler zusammen, tief und aufrichtig überzeugt seine Charakterstudie. Auch mit Hilfe der exzellenten Kamera von Frank Lamm ist die Wirkungsdichte möglich. Dabei erscheint das bröckelnde Dresden als Kulisse, nicht als Verfallsbild. Plattitüden braucht „Der Turm“ nicht.

Neben Christian ist Vater Richard – im Gegensatz zum Roman – die zweite Hauptrolle. Drehbuchschreiber Thomas Kirchner rückt den Denunzianten und Ehebrecher ins Erzählzentrum wie in einem klassischen Theaterdrama. Das bietet die Möglichkeit, die wichtigen Personen aus Tellkamps Figurentableau im Wechsel der Parallelhandlungen einzupassen. Schwochow/Kirchner entwickeln einen Sog, der als Erzähltechnik nicht neu ist, aber vorzüglich vermittelt, wie nah Enge und Ausweglosigkeit im DDR-System neben Mut und Hoffnung der 80er Jahre lagen. Als eine Freundin von Anne (Claudia Michelsen), Christians Mutter, endlich zu ihrem Mann in den Westen ausreisen darf, strahlt Freude auf das Lebensgrau der anderen, die in Dresden bleiben. Christians Onkel Meno (Götz Schubert), der vom Verlag immer wieder Schriftsteller berät, aber damit doch zensiert, findet bei einer jungen Autorin (Valery Tscheplanowa) neue Konsequenz. In „Der Turm“ wird eine feine Bruchlinie zwischen den Generationen spürbar. Die Jungen trauern der „verlorenen Idee“ vom Sozialismus nicht mehr nach, den Alten droht Selbstaufgabe. „Ich kann nicht mehr“, sagt Anne, und es wird fühlbar, wie die Zeit stillsteht. Als die Ausreisegenehmigung vom SED-Regime zugestanden wird, löst sich eine innere Klammer, ohne Jubel, ohne Rausch – mit Zuversicht.

ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr

Teil 2 Donnerstag, 20.15 Uhr

Die Doku

Wie sah Dresden in den 80er Jahren wirklich aus? Autor und Regisseur Jan Lorenzen fragt nach dem Leben vor dem Mauerfall. Seine Dokumentation vertieft Fragen über den DDR-Alltag, die der Zweiteiler „Der Turm“ nur gestreift hat.

ARD, Mittwoch, 21.45 Uhr

Quelle: wa.de

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