„Der Meister und Margarita“ am Theater Dortmund

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Blicke in die Innenwelt: Szene aus „Der Meister und Margarita“ in Dortmund mit Uwe Rohbeck, Andreas Beck (auf der Leinwand) und Luise Heyer. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Margarita legt sich auf den grünen Kasten und breitet die Arme aus. Videotechnik lässt sie abheben: Auf der Leinwand sehen wir sie fliegen über Schienenstränge, Autobahnen, Dächer und das Dortmunder U. So geht‘s für Bulgakows Heldin auf dem Luftweg zum Teufelsball. Das Dortmunder Theater findet die Schwerelosigkeit.

Schauspielchef Kay Voges hat Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ für die Bühne adaptiert. Ihm glückt ein mitreißender Abend, indem er starke Darsteller mit suggestiven Live-Video-Bildern von Daniel Hengst und zupackendem Rock des Hauskomponisten Paul Wallfisch und seiner Band Botanica kombiniert. Grandios daran ist, wie Voges die so unterschiedlichen Mittel zu einer Einheit verschmilzt.

Bulgakows in den 1930er Jahren entstandener, erst 1973 unzensiert gedruckter Roman ist ein moderner Klassiker der russischen Literatur: Der Meister hat einen Roman über Jesus geschrieben, über das Gerichtsverfahren von Pontius Pilatus gegen ihn und die Kreuzigung. Ein Kunstwerk, aber im atheistischen Sowjetstaat nicht gefragt. Der Meister weiß seinen eigenen Namen nicht mehr, landet in der Psychiatrie. Margarita ist seine verheiratete Geliebte, die ihn verzweifelt sucht. Es hilft ihr der Teufel, der mit seiner Truppe aus Hexe und Riesenkater Moskau heimsucht. Am Ende gibt es sogar Erlösung.

Den Mix aus Bibel, Goethes „Faust“ und Bürokratensatire aktualisiert Voges zu einem szenischen Essay über Glauben und Zweifel. Am Anfang soll das Publikum per Abstimmungskärtchen Farbe bekennen: Wie hält man‘s mit dem Leben nach dem Tod? Mit der Demokratie? Eine Schlüsselszene zeigt Christoph Jöde, der als Evangelist Matthäus mit dem Dortmunder Sprechchor das Glaubensbekenntnis spricht, einen fragmentierten Text, der zunächst nur aus „Ich glaube“ und „und den“ besteht. Eine eindrucksvolle Warnung vor zu viel Selbstgewissheit.

All das vermittelt die Inszenierung mit leichter Hand. Nur sechs Darsteller übernehmen alle Rollen. Mit Videotechnik lassen sich Schnitte in Echtzeit vollziehen. Es sind grandiose Effekte möglich. So sehen wir Momente aus der legendären „Faust“-Inszenierung von Gründgens, und die Gretchenfrage wird mit einer klassischen Tortenschlacht von Stan und Ollie beantwortet, die sich dann real auf der Bühne fortsetzt. Das Verhör des Jesus durch Pilatus spielen Caroline Hanke und Andreas Beck im Inneren der Bühne. Wir sehen Kamerabilder, und wenn Hankes Kopf mit einer Plastiktüte verhüllt ist, zitiert das Medienbilder aus dem Irakkrieg. Selbst die Kreuzigung setzt Voges ins Bild mit Jesus-Darstellerin Hanke, auf die eine Sturzflut entsprecheder Darstellungen der Kunstgeschichte niedergeht.

Botanica musiziert von einer Empore aus. Dank der Kamera sehen wir die Musiker mit Glitzerwimpern und grell androgynem Outfit der Glamrock-Ära. Wallfischs Songs tränken den Abend mit mit Emotionen, mit krachigem Rock-Pathos und jaulenden Gitarrensoli, mit brüchiger Balladen-Zärtlichkeit, mit aufgesetztem Jazz-Leichtsinn.

Das Ensemble macht den Triumph perfekt. Wie subtil spielt Luise Heyer als Margarita die Unbedingtheit der Liebe. Sebastian Kuschmann zieht als satanischer Voland alle Register der Verführung, er wirkt mal wie ein Sektenprediger, dann wieder zeigt er väterliche Züge. Andreas Beck und Uwe Rohbeck teilen sich die Rolle des Meisters, und man nimmt es den physisch so unterschiedlichen Männern sofort ab. Hinreißend Eva Verena Müller als Hexe im Tattoo-Kostüm, die stockt, zuckt, stammelt wie eine Verrückte, eine defekte Maschine. Überaus wandlungsfähig überzeugt Caroline Hanke als mal naiver, dann wieder wissender Jesus ebenso wie als verdammtes Gretchen, die ihrem toten Kind wieder und wieder begegnet. Und Christoph Jöde bietet als Lyriker im Irrenhaus virtuose Hysterie.

Drei Stunden werden nie langweilig, bieten Slapstick, große Gefühle und die Power eines Clubkonzerts. Unbedingt ein Hit!

Der Meister und Margarita am Schauspiel Dortmund.

22., 23., 24., 25.3., 11., 12., 13., 14., 15., 18., 28., 29.4., 24., 25., 26.5., Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de,

Die CD Botanica: What Do You Believe In (Rentadog) ist im Fachhandel erhältlich,

http://www.botanicaisaband.com

Quelle: wa.de

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