Die Last der Kriegsenkel

Anja Hirsch veröffentlicht Debütroman „Was von Dora blieb“

Die Schriftstellerin Anja Hirsch hat ihren Debütroman „Was von Dora blieb“ veröffentlicht.
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Die Schriftstellerin Anja Hirsch hat ihren Debütroman „Was von Dora blieb“ veröffentlicht.

Bislang schrieb Anja Hirsch vor allem Literaturkritiken für Zeitungen und den Rundfunk. In ihrem Debütroman „Was von Dora blieb“ schreibt die Autorin aus Unna über die Kulturszene der 20er Jahre im Ruhrgebiet und die Last der Kriegsenkel.

Die Dora aus dem Romantitel hat viele Gesichter. Da ist die gefürchtete Familiendespotin, die ihre sechsjährige Enkelin auf der Feier mit der Behauptung schockiert: „Du hast heute gar nicht Geburtstag.“ Da ist andererseits die lebenslustige junge Frau, die in den 1920er Jahren im Ruhrgebiet die künstlerische Avantgarde von Brecht bis Hindemith kennen lernt, die das Zeichnen an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule lernt, dem Vorläuferinstitut der Folkwang-Hochschule, die mit ihren Freunden in der „zornigen Ameise“ tanzt.

Die Ich-Erzählerin Isa in Anja Hirschs Roman „Was von Dora blieb“ hat ihre Großmutter gar nicht richtig kennen gelernt. Als sie drei Jahre alt war, starb Dora bei einem Verkehrsunfall. Aber in einer Ehekrise wird Isa auf ihre Familiengeschichte gestoßen. Sie bekommt von ihrer Mutter eine Kiste mit Doras Lebensdokumenten. Die Zeit, die sie auf der Flucht vor dem nach 25 Ehejahren untreuen Paul in einer Wohnung am Bodensee verbringt, füllt sie damit, das Leben ihrer Großmutter zu rekonstruieren. Die Recherche- und Erzählarbeit erweist sich als therapeutisch auch für die Verletzungen der aktuellen Beziehung.

Anja Hirsch, 1969 in Frankfurt geboren, in Unna lebend, arbeitet als Literaturkritikerin für überregionale Medien. „Was von Dora blieb“, ihr erster Roman, ist von ihrer Familiengeschichte unterfüttert. Sie stieß auf ein Tagebuch ihres Vaters, der 1943 auf eine Napola-Schule ging, ein Elite-Internat des NS-Staats. Einige Passagen daraus, Briefauszüge, Dokumente finden sich im Roman unverändert wieder. Um dieses Material entwickelt die Autorin eine komplexe Erzählung über die Generation der „Kriegsenkel“, über gestörte, von Traumata belastete Familienverhältnisse. Dabei geht es nicht nur um Dora, jene lastende, schattenhafte Patriarchin, der Isa durch ihre Nachforschungen langsam Konturen verleiht, die sie durchaus emphatisch wieder vermenschlicht. Sie gibt ihr die Unschuld des kleinen Mädchens, das mit ihrem Vater „Fröhlichwörter“ tauscht und das erlebt, wie der Mann im Krieg verändert wird, traumatisiert, Ticks hat, trinkt. Auch Isa nimmt ihren Vater als belastend wahr, sie nennt ihn einmal gar monströs. Die Autorin beschreibt Familiengeschichte als zyklische Folge: Die Lasten der einen Generation werden an die nächste weitergereicht.

Im Roman wechseln die Kapitel um Isa, die 2014 spielen, mit den Rückblenden in Doras Leben. Dass Isa von ihrem Mann mit der schwedischen Flötistin Svea betrogen wurde, spiegelt sich in Doras Jugendliebe zu Frantek, dem Sohn eines Steigers. Er hat auch eine Affäre mit ihrer besten Freundin Maritz, die schwanger wird. Die enttäuschte Dora fällt zurück in das konventionelle bürgerliche Leben, das ihre Eltern ohnehin für sie wünschten. Sie wird keine Künstlerin, sondern heiratet Max Schubert, einen Manager der I.G. Farben. Und ihren Sohn will sie hart machen. Da setzt es Schläge, wenn er ungebeten ins Zimmer der Mutter kommt, ihren „heiligen Raum“. Und wenn er in Briefen aus der Schule über den Drill klagt, dann mahnt sie ihn, kein „Schlappschwanz“ zu werden. Die Szenen aus der Napola mit den Angstmomenten aus dem Schlafsaal, mit dem Mobbing für den dicken Horst und dem Schock, wenn beim Arbeitseinsatz Kameraden sterben, gehören zu den Höhepunkten des Romans. Da ist die Autorin emotional ganz dicht bei dem zwölfjährigen Jungen, der dem fantasietötenden Drill und der Eiseskälte eines totalitären Systems ausgesetzt ist.

So taucht Isa in Geschichte ein, erfährt davon, dass ihr Großvater in den Betrieb von Konzentrationslagern verstrickt war. Die privaten Deformationen der Familie berühren sich mit der nationalen Schuld. Während Isa zu verstehen versucht, lernt sie ihren Nachbarn Gustav kennen, der sie bei ihren Nachforschungen unterstützt. Gibt es am Ende so etwas wie Versöhnung? Oder Heilung?

Man merkt dem Buch an, dass die Autorin mit ihrer Erzählerin zumindest die Liebe zur Sprache teilt. Manchmal überspannt sie ihre Lust an Bildern: „...ein Reigen an Mimik drehte erkennbar Karussell auf ihrem Gesicht“. Oft aber findet sie Formulierungen von knapper, prägnanter Schönheit: „Im Frühlingslicht dieses Aprilnachmittags im Jahr 1927 tanzte sogar der Staub.“

Anja Hirsch: Was von Dora blieb. Verlag C. Bertelsmann, München. 335 S., 20 Euro

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