David Bösch inszeniert Borcherts „Draußen vor der Tür“ in Bochum

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Zweimal Beckmann, Borcherts leidender Kriegheimkehrer: Florian Lange und Nicola Mastroberardino in Daniel Böschs Inszenierung in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Vor diesem jungen Mann im Kapuzenpulli bekommt sogar Gott es mit der Angst zu tun. Der alte Mann weicht zurück, dabei will Beckmann ihm doch nur helfen. Sein Feuerzeug funktioniert. Als Gottes Zigarette brennt, beginnt das Kreuzverhör: „Wann bist du eigentlich lieb, lieber Gott?“ Diese brennende Frage stellte Wolfgang Borchert 1947 in einem Drama, das als Hörspiel im Radio uraufgeführt wurde. Jetzt hat es David Bösch am Schauspielhaus Bochum inszeniert.

Was macht „Draußen vor der Tür“, das Heimkehrer-Drama, heute interessant? Eigentlich ist es doch sehr an die Nachkriegszeit gebunden. Es herrscht darin ein unausgegorener Existentialismus. Und wie spannungsfrei ist Beckmanns Jammerpassion, der heimat- und besitzlos umherirrt, im Bett seiner Frau einen anderen findet und im Bett des netten Mädchens der Andere für einen Anderen ist, der dem Oberst die Verantwortung zurückgeben will und nie richtig vorankommt. Eine moralisierende Klage voller Selbstmitleid. Und so unscharf, dass es zur Projektionsfläche für Gutmenschen wurde. Sind wir nicht alle irgendwie ein bisschen Pazifisten?

Bösch räumt auf in Borcherts Text. Die peinlichen Stellen entsorgt er. Schluss mit der Geschwätzigkeit. Der Regisseur entdeckt den Klassiker neu, die hinreißenden Stellen im Text, die Wut, die Zärtlichkeit, die Poesie, den boshaften Witz. Am Anfang tritt Gott auf, der alte Mann mit Wollmütze und langem Haar (Raiko Küster), der von der Bibel viel Staub pustet, ehe er sich selbst vorliest: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde...“ Dabei deutet er auf das karge Bühnenbild (Dirk Thiele): Ein Waschbecken links, auf dem Boden Erde, rechts eine Pfütze. Die Macht freilich stößt schnell an Grenzen: Als der Befehl kommt, wird kein Licht.

Borcherts Antiheld Beckmann wird aufgespalten, was im Text bereits angelegt ist. Hier aber fällt der „andere Beckmann“ (Nicola Mastroberardino) über sein Alter Ego (Florian Lange) her wie ein Gangmitglied, verprügelt ihn, hält ihm eine Pistole ins Gesicht, raubt ihm die Schnapsflasche aus dem Rucksack. Da erscheint Borchert ganz frisch, mit einer Aggressivität, die einer Sarah Kane würdig wäre. Der eine Beckmann tobt sich aus, der andere bekommt in die Fresse. Aus einem missratenen Prediger wird ein traumatisierter Soldat, der etwas zu sagen hat und dem man zuhört. Wie souverän schickt er Gott aufs Altenteil, indem er einfach einen Gullideckel anhebt, eine wortlose Einladung für den Alten.

Grandios, wie Bösch die Liebesgeschichte zwischen Beckmann und dem Mädchen (Kristina-Maria Peters) ausspinnt. Sie nennt ihn zärtlich „Fisch“ und schwimmt mit ausgreifenden Armschwüngen durch die Bühnenluft. Wenn sie sich küssen, gibt sie ihm allen Atem und erschlafft in seinem Arm, und er muss sie mit einem zweiten Kuss ins Leben zurückpusten.

Manchmal finden die beiden Beckmanns zueinander, sprechen Halbsätze synchron wie ein antiker Chor, ehe sie in Rollen schlüpfen. Lange macht aus dem Papierhiob Borcherts einen wirklichen Menschen, der leidet, aber auch sein Streben nach Glück mit Verzweiflung beglaubigt. Mastroberardino gibt den Zerstörer, den schwarzen Teil dieser Figur, mutiert zum Oberst, und hebt die Hand als Handpuppe, die die ahnungslos böse Tochter ist.

Manchmal setzt Bösch Videos und Schatten ein. Oder er schickt Henrik Schubert als Tod auf die Bühne, ein spinnenartiges Wesen, die Vorderläufe mit Bajonettklingen als Krallen. Am Ende stehen die Beckmanns und der Einbeinige beisammen und rauchen gemeinsam eine letzte Zigarette. Drei wie Wladimir und Estragon, nihilistische Beckett-Clowns. Und Gott darf zurückkehren zu einem letzten Zauber, der natürlich auch nicht klappt.

Es fasziniert, wie Bösch diese Spielansätze aus Borcherts Stück herausarbeitet und sie zu einer Erzählung zusammenfügt. Die Darsteller erfüllen das Konzept mit beseeltem Spiel. Großer Beifall für die überwältigende Neubelebung eines tot geglaubten Textes.

9., 23.5., 6., 29.6.; Tel. 0234 / 33 33 55 55,

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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