„Das schönste Museum der Welt“ im Folkwang Essen

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Ernst Ludwig Kirchners „Fünf Frauen auf der Straße“ (1913) kommt aus dem Museum Ludwig in Köln nach Essen.

ESSEN – Die „Fünf Frauen auf der Straße“ stehen als Akkord aus fünf schwarzen Blöcken in einer giftig-gelb-grünen Farbwoge. Ernst Ludwig Kirchner traf 1913 mit diesem Gemälde einen Nerv der Zeit. Diese radikale Großstadt-Szene passte ins Folkwang-Museum nach Essen, das 1932 von Paul J. Sachs, dem Mitgründer des New Yorker Museum Of Modern Art, bewundert wurde als „schönstes Museum der Welt“. Monate später hatten die Nazis den Direktor Ernst Gosebruch abgesetzt, einen Gefolgsmann installiert, der das Haus schon vor der Aktion „Entartete Kunst“ ausplünderte und eine einzigartige Sammlung zerschlug. Von Ralf Stiftel

Nun ist Kirchners Bild für vier Monate ins Ruhrgebiet zurückgekehrt. Mit ihm weitere Meisterwerke der klassischen Moderne. Die Ausstellung „Das schönste Museum der Welt“ rekonstruiert das Vorbild-Museum der 20er Jahre für vier Monate. Es ist die erste Sonderausstellung im Neubau von David Chipperfield. Kein besserer Auftakt ist denkbar als diese Selbstbesinnung, die zugleich den Weg in die künftige Arbeit weisen soll, wie Direktor Hartwig Fischer betont.

Das Museum wurde von Karl Ernst Osthaus in Hagen gegründet mit einem revolutionären Denkansatz: Die Kunst sollte das Leben gerade der Arbeiter verändern. Osthaus prägte das Motto der Kulturhauptstadt: Kunst durch Wandel – Wandel durch Kunst. Und die Ausstellung ist auch ein Hauptprojekt von Ruhr.2010. Osthaus sammelte aufgeschlossen die Impressionisten, van Gogh, die deutschen Expressionisten und die französischen Fauves. Er trug auch außereuropäische Kunst zusammen, die er gleichberechtigt mit den Bildern und Skulpturen von Manet, Renoir, Rodin präsentierte. Das Museum wurde nach Osthaus‘ Tod nach Essen verkauft, wo es nur vier Jahre lang bis 1933 geöffnet war, ehe die Nazis an die Macht kamen. 1456 Werke wurden als „entartet“ beschlagnahmt, verscherbelt oder vernichtet.

Kurator Uwe M. Schneede arbeitet in der Schau mit rund 350 Exponaten zwei Leerstellen der Museumsgeschichte auf. Mit Leihgaben aus dem New Yorker Guggenheim Museum, dem Busch Reisinger Museum in Cambridge (USA), der National Gallery in Washington, der Albertina in Wien und vielen weiteren Häusern stellt er den Kern der Folkwang-Sammlung moderner Kunst wieder her. Außerdem kommt der reiche Bestand an außereuropäischer und alter Kunst zur Geltung, der bis auf wenige Ausnahmen bislang in den Museumsdepots verborgen war. Die Halle für Wechselausstellungen wurde dabei in Kabinette unterteilt. So werden im Zentrum Gemälde und Skulpturen der Moderne in Oberlichträumen präsentiert. Dabei erkennt der Besucher auch, welche Rekonstruktionsleistung nach dem Krieg vollbracht wurde mit Rückkäufen. Zwei Säle mit großen Bronzen von Rodin und Gemälden wie Manets Porträt des Schauspielers Faure, Renoirs Bildnis von Lise mit dem Sonnenschirm, Cézannes „Steinbruch Bibémus“ und van Goghs Porträt von Arnand Rolin füllt das Haus aus eigenem Bestand.

Aber was ging verloren: Franz Marcs großformatige „Weidende Pferde“ sah der damalige Direktor Gosebruch als Aushängeschild des Hauses an. Heute gehört es dem Busch Reisinger Museum. Kandinskys „Improvisation 28“ markiert präzise den Übergang von der Landschaftsdarstellung zur reinen Abstraktion. Sie kommt jetzt aus dem Guggenheim. Kirchners Porträt von Oskar Schlemmer war das erste Bild, das Osthaus dem Künstler abkaufte. Heute im Hessischen Landesmuseum. Erich Heckels eindringliches Triptychon „Genesende“ – ebenfalls aus dem Busch Reisinger. De Chiricos Selbstbildnis landete im Kunstmuseum Winterthur, Chagalls Szene „Purim“ im Philadelphia Museum of Art, einen Derain verleiht jetzt Ibrahim Najjar aus dem Libanon. Ein monumentaler mehrflügliger Altar zum Leben Christi hing als Dauerleihgabe des Künstlers im Museum. So konnte Emil Nolde sein Werk vor der Beschlagnahme retten.

Schneede inszeniert in thematischen Räumen ruhig, zwingt europäische und außer europäische Kunst nicht in Nachbarschaft. So bewundert man die japanischen Theatermasken und die javanischen Schattenspielfiguren in abgedunkelten, effektvoll inszenierten Kabinetten. Man entdeckt die Verwandtschaften auch so. Die 1500 Jahre alten koptischen Stoffflicken, deren Ornamente die Figuren in der Grafik der „Brücke“-Expressionisten vorformulieren. Die ozeanischen Zeremonialfiguren, die Nolde inspirierten. Dazu feinste asiatische Lack kunst, Mumienmasken aus Ägypten, farbintensive Fliesen aus dem mittelalterlichen Spanien.

So spielt die Schau triftig zwischen Großformaten und Miniaturen, zwischen kräftigen Farbakkorden und der Askese der Form im Skulpturenkabinett oder bei asiatischem Teegeschirr. Schneede versucht keine Simulation der alten Räume, sondern reagiert auf heutige Sehgewohnheiten. Mit Skizzen wird an ein Projekt erinnert, das 1933 endete: Schlemmer und Kirchner sollten Wandbilder für das Museum schaffen. Den Besucher erwartet ein grandioses Panorama. Mit Entdeckungen zwischen all den großen Namen. Eine wunderbar schlichte weiße Maske stammt von Moishe Kogan. Der Künstler starb 1943 in Auschwitz.

Die überwältigende Rekonstruktion eines noch immer faszinierenden Kunstprojekts wird Massen locken. 2500 Führungen sind schon jetzt gebucht: „Das schönste Museum der Welt“

im Museum Folkwang, Essen. 20.3.–25.7.,

di – so 10 – 20, fr bis 24 Uhr,

Tel. 0201/88 45 000; www. dasschoenstemuseumderwelt. de, http://www.museum-folkwang.de

Katalog 29 Euro, Aufsatzband 12 Euro, beide Edition Folkwang/Steidl Verlag, Göttingen

Quelle: wa.de

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