Neuer „Tatort“ aus Berlin mit Meret Becker und Mark Waschke

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Ermitteln nicht immer in eine Richtung: Die neuen Berliner „Tatort“-Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke).

Von Ralf Stiftel -  Die Frau ist ein Alphatier. „Ich arbeite jetzt sechs Jahre in der Mordkommission“, blafft Nina Rubin den neuen Kollegen Robert Karow an. „Wie lange Sie?“ Er schaut auf die Uhr: „Zwei Stunden 16 Minuten...“ Damit hat sie die Rangfolge aber nur für den Moment klargestellt. Harmonisch läuft es nicht beim neuen „Tatort“-Team in Berlin, was der Spannung nicht schaden muss.

Die Hauptstadt gehörte immer zu den Problemkindern des ARD-Sonntagskrimis. Selbst das Duo Ritter und Stark schwächelte am Ende, und Dominic Raacke stieg vor dem letzten Fall aus. Der Neuanfang bietet auch Chancen, einen neuen Ton zu finden. Der Sender rbb unterstreicht, dass hier neben Meret Becker (Rubin) und Mark Waschke (Karow) die Stadt der dritte Hauptdarsteller sei. Und tatsächlich führt die Auftaktfolge „Das Muli“ durch Berlin wie keine Stadtrundfahrt. Wobei man die Zeitrafferschwenke über die Skyline schon aus US-Serien und auch vom Dortmund-„Tatort“ kennt. Aber die Armenspeisung am Bahnhof Zoo, den verlassenen Spreepark in Plänterwald mit den umgefallenen Saurierskulpturen und der noch brach liegende Flughafen BER sorgen für mehr Lokalkolorit.

Schon der Anfang freilich ist nichts für Zuschauer mit schwachen Nerven. Im schnellen Wechsel sieht man mal ein junges Mädchen (Emma Bading) mit blutverschmierter Kleidung durch eine Einkaufsmeile taumeln, geflissentlich ignoriert von den Passanten. Derweil spielt eine schmale Frau im Hinterhof der Disco – wie sich später herausstellt: Kommissarin Rubin – mit einem Kollegen „Shades Of Grey“. Es dauert, bis man sich in dem Film von Stefan Kolditz (Buch) und Stephan Wagner (Regie) zurechtfindet. Das Mädchen gehörte zu einem Drogentransport für eine örtliche Bande, und Jo hat noch immer den Magen voller Kokain-Päckchen. Ihre Begleiterin wurde von den Gangstern buchstäblich ausgeweidet – nicht aus Brutalität, sondern um die Ware zu sichern. Jo ist auf der Flucht. Rubin und Karow haben eine blutige Wohnung ohne Leiche. Die Spaghetti-Scherze der Spurensicherer gehören auch zum neuen Ton, an den sich mancher erst gewöhnen muss.

Vieles freilich kennt man inzwischen. Karow erinnert an den Dortmunder Kommissar Faber, mit einigen Macho-Attitüden (er sucht jemanden, der ihm den Kaffee holt) und auch etwas Selbstbeherrschung mehr. Außerdem steht der Mann unter Verdacht: Sein Partner bei der Drogenfahndung kam unter ungeklärten Umständen ums Leben. Und Karow steht mit den Drahtziehern des Drogenhandels auf Du und Du. Ein wenig denkt man dabei auch an den Rostocker Polizeiruf-Kommissar Bukow. Waschke gibt diesen Exzentriker angemessen undurchschaubar, mal als Kollegenschwein, mal als Melancholiker, der seine Unschuld beweisen will. Kaltblütig ist er allemal: Wenn es darum geht, ein menschliches „Muli“ zu opfern, um hunderte spätere zu retten, zögert er keinen Augenblick.

Auch Meret Beckers Rolle ist nicht vorbildlos. Den außerehelichen Sex nimmt ja schon die Dortmunder Kommissarin Bönisch als Ausgleich für berufliche Dauer-Hochlast. In Berlin sieht man die Familie, und Kommissarin Rubin darf auch Schwächen zeigen. Sie hat Tränen, als ihr Mann (ein jüdischer Chefarzt) die Wohnung verlässt. Sie kommt mit dem älteren pubertierenden Sohn nicht zurecht. Das wird gewöhnungsbedürftig sein: Eine Ermittlerin mit mindestens drei Gesichtern. Meret Becker meistert die Herausforderung jedenfalls souverän, ihr nimmt man alles ab.

Und es gibt – wie in Dortmund, wie in Rostock – eine Rahmenhandlung, die die einzelnen Episoden umklammert. Eben den Fall von Karows totem Kollegen.

Dass der Sender dem neuen Team mehr Aufwand gönnt, macht sich angenehm bemerkbar. Nicht nur dadurch, dass man oft das Studio verlässt. Auch Nebenrollen sind stark besetzt, wie Emma Bading als Schmugglerin auf der Flucht und Theo Krebs als ihr Bruder. Eigentlich viel zu schade für nur einen Auftritt ist Kida Khodr Ramadan als türkischer Drogengangster, der erst seine Töchter zum Ballett fährt und dann seinen Helfer ohrfeigt. Dieser Biedermann und Bösewicht ist jede Sekunde sehenswert.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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