„Das Interview“ nach Theo van Gogh am prinz regent theater Bochum

+
Ungleiches Duell: Szene aus „Das Interview“ in Bochum mit Stephan Ullrich und Rahel Weiss. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Irgendwann liegen sie sogar zusammen auf dem Sofa, Pierre Peters, der Politjournalist, und Katja Stuurman, das blonde Filmsternchen. Er ist sauer, weil gerade die niederländische Regierung vor dem Rücktritt steht, er aber für einen kranken Kollegen einspringen muss bei der Schauspielerin. Sie spürt seine Verachtung und reagiert aggressiv. Es entwickelt sich ein psychologisches Duell in dem Stück „Das Interview“.

Sibylle Broll-Pape, Leiterin des Bochumer prinz regent theaters, hat ein Gespür für aktuelle Stoffe in eingängiger Form. „Das Interview“ war der vorletzte Film des 2004 von einem islamistischen Fanatiker ermordeten niederländischen Regisseurs Theo van Gogh. Inzwischen hat nicht nur Hollywood den Stoff von Theodor Holman neu verfilmt, auch Schauspielhäuser haben das Kammerspiel entdeckt. Broll-Pape setzt das Werk texttreu in Szene, als stringent erzählte Auseinandersetzung mit überraschenden Wendungen. Und mit zwei starken Darstellern.

Katjas Apartment, von Trixy Royeck als mit Kissen ausgepolsterter, ebenso teuer wie unwohnlich wirkende Barbie-Stube gestaltet, entwickelt sich zum Schauplatz einer mit allen Mitteln ausgetragenen Verbalschlacht. Das ungleiche Paar versucht sich zu beleidigen, zu verletzen, und immer wieder entpuppen sich Geständnisse und Enthüllungen als neue Finten. Und wenn sie sich dann doch küssen, folgen unvermeidlich gleich eine Abweisung und neue Angriffe. Sie will ihm beweisen, dass sie eben nicht nur aus „Luft, Sägemehl und Silikon“ besteht. Ihre Tränen aus Liebeskummer im Nebenraum, die er interessiert belauscht, entpuppen sich als mitgesprochener Rollentext der Fernsehserie „Feine Freundinnen“. Er setzt die Narbe, die er bei einem Einsatz im Balkankrieg erlitten hat, ein, um ihr Mitleid zu wecken. So bleibt dem Zuschauer immer Unsicherheit: Welchem Geständnis darf er glauben? Im Zweifel keinem.

Stephan Ullrich, der zur Zeit auch am Schauspielhaus Bochum in „Medea“ zu sehen ist, gibt dem Journalisten, der sich unter Wert eingesetzt fühlt, eine existenzielle Melancholie mit, die ihm die Sympathie des Publikums sichert. Sie hält ihm ihr Dekolletee unter die Nase, und er blickt zwar hin, aber vermittelt doch glaubhaft, dass er ihren körperlichen Reizen nicht verfallen wird. Immer wieder läuft er vergeblich gegen die professionelle Schutzmauer der Frau an, die ihm vermeintliche Intimitäten vorspielt. Rahel Weiss darf Blondinenklischees unterminieren: Diese Schmonzettendarstellerin ist zu jedem Moment des Interviews auf der Höhe. Sie kontrolliert das Geschehen und setzt alle Mittel ein: heuchelt im einen Moment das Naivchen, um ihr Gegenüber im nächsten kalt zu demütigen. Sie benutzt ihre körperliche Attraktivität ebenso wie emotionale Mittel. Bei alledem verkommt das Stück nicht zu vordergründigem Politspiel, dabei thematisiert van Gogh eine der größten niederländischen Staatskrisen, den Rücktritt der Regierung, nachdem die Hintergründe des Massakers von Srebrenica von 1995 aufgedeckt wurden, bei dem niederländische UN-Soldaten tatenlos zusahen.

In Bochum erlebt der Zuschauer ein mal witziges, dann kriminalistisch zugespitztes Kammerspiel, Unterhaltung mit Hintergrund. Dem tut selbst die etwas gewaltsame Schlusswendung keinen Abbruch.

26.1., 2., 5.2.,

Tel. 0234/77 11 17,

http://www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare