„Das Ideal“: Erzählungen von Hans Adler neu entdeckt

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Hans Adler ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Wie könnte man einen Tunichtgut besser in eine Geschichte einführen als mit diesem Anfangssatz: „Sie holten ihn um elf Uhr vormittags aus seinem Bett.“ Da weiß der Leser doch gleich, woran er ist mit diesem Peter, dem auch „mit der direkten Zuwendung selbst größerer Geldbeträge nicht geholfen werden“ kann. Darum soll er heiraten, der Peter, eine reiche Braut, verkündet der Onkel, der ihn unsanft geweckt hat. Das lässt sich auch gar nicht so schlecht an, bis der Braut aus reicher Familie ein Frosch über den Weg läuft.

Beziehungen müssen einfach scheitern in den Erzählungen von Hans Adler. Der Wiener Autor (1880–1957) war zu Lebzeiten berühmt, publizierte in bekannten Zeitschriften wie dem „Simplicissimus“ und feierte Erfolge auf der Bühne mit 120 Stücken, Bearbeitungen, Operetten. Einige seiner Werke wurden sogar am Broadway gespielt. Nach seinem Tod verblich der Ruhm. Zu Unrecht, wie der kleine, aber überaus feine Band „Das Ideal“ belegt.

Darin lernt man Adler als Erzähler kennen, wie er nur in der üppigen Kaffeehaus- und Bohème-Szene Wiens entstehen konnte. Die Geschichten flirren unbestimmt zwischen Gesellschaftssatire und Feuilleton, man findet darin ein wenig Schnitzler und etwas Peter Altenberg, und doch hat er einen ganz eigenen Ton. Die Männer stehen in Adlers Texten stets als Verlierer da, selbst wenn sie, wie in der eingangs erwähnten Erzählung „Das Froscherl“, noch einmal davonkommen. Natürlich ist der Autor Kind seiner Zeit, was das Frauenbild betrifft. Trotzdem kommen die Floras und Toutoujas erstaunlich selbstbewusst und selbstbestimmt daher. Flora will den Peter „erziehen“. Und Adèle, das hungrige junge Mädchen an der belgischen Küste, hat präzise Vorstellungen von ihrer Karriere: Sie will „eine große Kokotte“ werden, „der die Männer auf wunden Knien verzweifelt Vermögen und Leben als Opfer anbieten“. Dieser Energie sind die Männer wehrlos ausgeliefert. Dr. Nuttinger, der sich auf seiner Amtsstube in eine Klientin verliebt hat, ist so ein Fall. „In seinen kurzsichtigen Augen flackerte Selbstbewußtsein und Mannesstolz, und während er schrieb, artikulierte er mehrmals langsam und mit Genuß die Lippen breitziehend das Wort: Maitresse.“ Woraus selbstverständlich nichts wird.

Adler war selbst Beamter, Jurist, und er hasste das. Wegen einer Lungenerkrankung wurde er früh pensioniert und konnte sein Leben als Autor führen. Das Milieu der Beamten, des mittleren Bürgertums, der Kleinstadtspießer schildert er mit kundiger Verachtung. Die Erzählungen sind satirisch unterfüttert, aber nicht ohne Empathie für die scheiternden Helden. Oft hat er einen Ich-Erzähler, der als Beobachter die Ereignisse verfolgt, und Adler versteht sich auch auf Selbstironie. In der längsten Erzählung über eine seltsame Gesellschaft, die sich in der italienischen „Villa Paradiso“ eingenistet hat, kommt noch eine fiebrige Sinnlichkeit daher, die die Geschehnisse um den Ingenieur Patschichter bestimmt bis zur abschließenden Katastrophe.

Diese so wunderbar boshaften, komischen Texte sind allemal eine Neuauflage wert. Den Genuss der Erzählungen vollendet freilich die liebevolle Ausstattung des Buches mit Fadenheftung, Lesebändchen, Nachwort und dem Umschlagbild einer jungen Düsseldorfer Künstlerin, Manuela Wossowski.

Hans Adler: Das Ideal. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf. 187 S., 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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