Daron Acemoglu und James A. Robinson erklären, warum Nationen scheitern

Von Jörn Funke Nogales gibt es zweimal. Als Kleinstadt in der mexikanischen Provinz Sonora und, einen Steinwurf entfernt und durch eine soliden Zaun getrennt, im US-Bundesstaat Arizona. Die Umgebung und die Mentalität der Menschen sind ähnlich, und doch herrscht nördlich der Grenze Wohlstand, südlich davon Armut.

Nogales ist das Paradebeispiel für die Theorie, dass das politische System eines Landes über den wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg von Nationen entscheidet. Der Wirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu und der Politikwissenschaftler James A. Robinson versuchen dies in einer 600-Seiten-Studie darzulegen.

Beide lehren in Boston, Acemoglu am Massachusetts Institute for Technology (MIT), Robinson an der Harvard University, den beiden renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten. Ihr Werk „Warum Nationen scheitern“ will eine der grundlegenden Fragen der Wirtschaftsgeschichte beantworten: Warum gibt es arme und reiche Länder – oder: warum beherrschen die westlichen Staaten die Welt?

Acemoglu und Robinson verfolgen ihre Spur quer durch die Welt. Zwischen Mexiko und den USA machen sie Systemunterschiede aus, die das Wohlstandsgefälle zwischen beiden Ländern begründen: Hier Korruption und Protektionismus, dort Rechtssicherheit und freies Unternehmertum. Gleiches fördert der Vergleich zwischen Nord- und Südkorea zutage.

Die Autoren unterscheiden zwischen Ländern mit „extraktiven“ Wirtschaftsinstitutionen, die Wettbewerb einschränken und große Teile der Bevölkerung von der Teilhabe ausschließen, und ihrem „inklusiven“ Gegenpart, der jedermann Anreize zur Teilnahme am Wirtschaftsgeschehen gibt. Das Ideal ist dabei die „schöpferische Zerstörung“, eine Theorie des Politikwissenschaftlers Joseph Schumpeter (1883-1950), nach der der Fortschritt überlebte Einrichtungen verdrängt – statt sie künstlich am Leben zu erhalten.

Acemoglu und Robinson ziehen mit dieser Idee durch die Weltgeschichte. Mayas, Azteken, das römische Imperium, Österreich-Ungarn und das zaristische Russland – sie alle existieren nicht mehr, weil sie „extraktiv“ ausgerichtet waren und die Eliten den Fortschritt um des Machterhalts willen verhinderten. Als Weltformel ist das ein wenig dünn. Kulturelle oder geographische Einflüsse auf das Wohlergehen der Nationen schließen die beiden kategorisch aus. Die Theorie ihres Kollegen Jared Diamond, der den Erfolg Eurasiens nicht zuletzt auf die große Zahl domestizierbarer Tierarten zurückführt, zitieren sie ausführlich, um sie dann recht plötzlich zu verwerfen. Sklavenhandel und koloniale Unterdrückung führen Acemoglu und Robinson ausdrücklich als Gründe für den Weg in die Armut an, lassen sich davon aber nicht grundsätzlich beirren.

Die heutige Ungleichheit in der Welt existiere, schreiben die Autoren, weil einige Staaten die Möglichkeiten der Industriellen Revolution genutzt hätten und andere nicht. Großbritannien konnte dies nach der „Glorious Revolution“, mit der 1688/89 die Parlamentsherrschaft etabliert wurde; die Französische Revolution von 1789 wird der Vollständigkeit halber auch noch erwähnt. Und so klingt Acemoglus und Robinsons Argumentationskette zuweilen eher wie eine ereignisgeschichtliche Einführung in die Geschichte Westeuropas als eine Erklärung für globale Gegensätze.

Die Grundthese der beiden Wissenschaftler hat etwas zutiefst Sympathisches an sich: Ein Staat, der seinen Bürgern die Möglichkeit gibt, sich frei zu entfalten, profitiert in Form eines allgemeinen Wohlstandes. Und da, wo Eliten sich wirtschaftlich abschotten, geht es mit dem Wohlstand bergab. Das klingt wie aus dem Lehrbuch der sozialen Marktwirtschaft. Um die Wirtschaftsgeschichte der Menschheit zu erklären, ist das etwas zu wenig.

Daron Acemoglu / James A. Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 608 S., 24,99 Euro.

Quelle: wa.de

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