Daniel Goldin lässt tanzen: „El galpón“ in Münster

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Aufforderung zum Tanz: Matthias Schikora in der Choreografie „El galpón“ in Münster ▪

Von Ursula Pfennig ▪ MÜNSTER–Ein „galpón“ ist eine Lagerhalle. In seiner neuen Choreographie für die Städtischen Bühnen Münster nimmt Daniel Goldin Bezug zu den „galpones“ in seiner Heimatstadt Buenos Aires. In den Arbeitervierteln der europäischen Einwanderer, wo auch der Tango entstand, wurden manche dieser „galpones“ zu Orten der Begegnung.

Goldin erzählt von bunten Hunden, von Armut, Gewalt und drangvoller Enge in diesem oft romantisierten Ambiente. Und er spannt den Bogen zum Hier und Jetzt. Seine Anklage: Wo zwischen Industrieruinen Kunst entstehen könnte – ob in Argentinien oder Deutschland – regieren in Wahrheit oft Oberflächlichkeit und der schnöde Mammon.

Die Uraufführung im Kleinen Haus von Münster war die vorletzte des Tanztheaters Daniel Goldin. Unter dem neuen Intendanten wurde Goldins Vertrag nicht verlängert. Seit 16 Jahren leitet der stark vom Folkwang-Theater beeinflusste Choreograph die Tanzsparte in Münster und erarbeitete sich bei einem treuen Publikum einen ausgezeichneten Ruf. Wenn das Ensemble in der Schlussszene gläserne Ballettschuhe mit hochhackigen Pumps zerschlägt, könnten daher durchaus auch eigene Visionen gemeint sein, die da zu Bruch gehen.

Durch Wellblechwände, nach hinten perspektivisch verjüngt, suggeriert Bühnenbildner Matthias Dietrich dem Publikum eine weitläufige Halle. Einige Tischchen und Sitzmöbel am Rande schaffen die Atmosphäre eines improvisierten Tanzschuppens. Ein buntes Volk treibt sich dort herum (Kostüme: Gaby Sogl): Frauen im knappen Outfit, ein aufgetakelter Transvestit, ein Dandy, ein muskelbepackter Fußballer. Dazu wird neben traditionellen Stücken Musik von jungen argentinischen Komponisten eingespielt, die den Tango und südamerikanische Folklore neu interpretieren.

Goldins Tanztheater enttarnt den Mythos der romantischen Hinterhöfe. Eine Szene, in der sich ein Mann mit Aktentasche auf eine enge Sitzbank drängt, ihr auf den Leib rückt, indem er seine Lektüre ausbreitet, sein Brot und seine Schnapsflasche auspackt, auf dem Handy ein lautes Gespräch führt, endet damit, dass sich die beiden ins Gesicht spucken. Großstadtalltag, wenn viele Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen.

Die Menschen quälen sich auf ihrer Suche nach Glück. Tänzerische Soli stehen für individuelle Hoffnungen auf Liebe und Anerkennung. Der Ensembletanz bleibt hingegen über weite Strecken starr. Goldin lässt die Tänzer Posen einnehmen, sie dabei fast auf der Stelle treten. Es sind Sklaven der Unterhaltungsindustrie. An einer Stelle reißen sie erschrocken die Hände hoch. Ergeben sich dann in einem Grinsen, bevor sie schließlich die Tanzschritte absolvieren. Die tänzerischen Ausdrucksmittel treten über weite Strecken hinter denen des Theaters zurück. Eine Frau schleicht um einen mit schwarzem Mantel und Hut verkleideten Stecken herum. Ist es der Tod? Er hinterlässt ihr ein paar Tanzschuhe.

Ein verliebtes Paar tanzt vor einem schmutzigen, mit Wolken bemalten Vorhang. Die Illusion währt nicht lange. Ein Typ mit Glitzerhöschen drängt sie auseinander. Nötigt ihnen Tischtuch, Getränke und Essen auf. Es ist der Anbruch der neuen Zeit.

Nun wummern Disco-Rhythmen. Ein greller Transvestit in neongrünem Catsuit auf roten Plateauabsätzen hat das Sagen. Die gläsernen Ballettschuhe werden auf Silbertellern präsentiert. Dollarzeichen lassen keinen Zweifel auf, worum es hier geht. Der bunte Hund – der sich zwischendurch hinter der Maske als Flaschensammler und Alkoholiker geoutet hat – wird nochmal an der Leine vorgeführt, dann laufen gelassen. Bleibt noch das Zerdeppern der rätselhaften Ballettschuhe auf den Silbertabletts.

Das Stück

Tanztheater mit erzählerischen und meinungsfreudigen Botschaften. El galpón an den Städtischen Bühnen Münster. 26., 29. Oktober, 2., 4., 6., 11., 19., 29. November; Tel. 0251/ 41 46 71 00; www.

stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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